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Am Quelltopf der Großen Lauter

Vollständig im Bereich des 2008 eingerichteten Biosphärengebiets Schwäbische Alb fließt die „Große Lauter“ auf einer Länge von 42 km Richtung Süden zur Donau hin. Sie hat sich hier in die Jura-Kalke eingegraben, deren härtere Riffformationen als Wände oder Türme das gewundene Tal säumen. Ihr Unterlauf war Ziel einer Wanderung auf Alb-Exkursion 2017 des Naturwissenschaftlichen Vereins Darmstadt.
Die Lauter-Quelle findet sich auf dem Gelände eines Zweigbetriebs zum Gestüt Marbach in Gomadingen-Offenhausen und zeigt sich als Karst-Quelltopf. Dessen Besichtigung war Ausgangspunkt unserer Wanderung über den benachbarten Sternberg-Vulkan.
Hier eine Notiz zum geologischen Kontext, in dem sich die Lauter entwickelt hat sowie zu Vegetationsbefunden im Quelltopf:

Geologischer Kontext

Gegen Ende des Jura (Abschluss des Oberen Jura vor 142 Mio. Jahren) wurde Süddeutschland zum Festland. Im Zusammenhang mit dem Rheingrabenbruch wurde es später in eine nach SO fallende Schräglage gekippt. Ab dem Oligozän (beginnend vor 37 Mio. Jahren) wurde das Alpenvorland zum Ablagerungsraum von Sedimenten, die sowohl von den Alpen als auch vom süddeutschen Festland zugeführt wurden. Diese Sedimentation griff mit der Transgression des Molassemeeres nördlich der Alpen auch auf die Juraflächen der Alb über. Die Brandung dieses Meeres bildete an seinem nördlichen Ufer im anstehenden Jura ein Kliff, dessen Linie noch heute in der Topografie erkennbar ist und deshalb in die geologische Karte Eingang finden konnte. In Abb. 1 ist ein Abschnitt dieser Klifflinie des Molassemeeres aus der Sedimentationsphase der Oberen Meeres-Molasse (Unteres Miozän, ungefähr vor 20,5 bis 19 Mio. Jahren) rechts unten unterhalb vom Eintrag „Münsingen“ schwarz gestrichelt angedeutet.

geologisches Geländemodell der schwäbischem Alb im Bereich des Uracher Vulkans

Abb. 1: Ausschnitt aus dem geologischen Geländemodell (Exkursionsführer S. 28) mit den wichtigsten geologischen Einheiten und den sie durchschlagenden Diatremen des Uracher Vulkans (rot). Untere Bildmitte: der Quelltopf der Großen Lauter am Nordfuß des Sternberg-Vulkans, von wo sich das Trockental der Ur-Lauter bis Engstingen zieht und dort in das zum Necker weisende Echaz-Tal – den ehemaligen Oberlauf der Ur-Lauter – übergeht.

 

Aus dieser Klifflinie, die das Molassemeer vom Festland der Jura-Ablagerungen trennte, ergibt sich, dass der in Abb. 1 weiter links eingetragene Oberlauf der Großen Lauter schon in jener Zeit auf der Alb-Hochfläche dem Molassemeer gen Süden zugeflossen ist, ohne sich wegen des geringen Gefälles allzusehr in die Jurakalke einzutiefen.

Viel kräftiger vollzog sich hingegen auf Grund des wesentlich stärkeren Gefälles die Erosion gen Norden zum Neckar und Rhein hin. Reichte der Albtrauf vor 15 Mio. Jahren noch bis in die Gegend von Stuttgart, so liegt er heute 23 km weiter südlich. Noch weiter gen Süden haben sich die nach Norden fließenden Gewässer in die Tafel des oberen Jura eingegraben, bis sie die nach Süden zur Donau fließenden Gewässer erreichten und deren Lauf nach Norden umlenkten, die Donauzuflüsse wurden quasi „geköpft“. Dieser Prozess ergriff auch die Große Lauter, die ursprünglich viel weiter nordwestlich entsprang. Ihr historischer Oberlauf wird heute von der in Gegenrichtung fließenden Echaz eingenommen, so dass zwischen Engstingen und der heutigen Lauterquelle (Eintrag „Lauter-Quelltopf“ in Abb. 1) ein Trockental der Ur-Lauter zurückblieb (vgl. das von Wikipedia bereitgestellte Luftbild aus der Gegend von Engstingen unter Strunkpass-Geologie Grosse-Urlauter). Das Wasser der rezenten Großen Lauter sammelt sich nun in den Karstsystemen des Jura und tritt im Quelltopf am ehemaligen Dominikanerinnenkloster (heute Außenstelle des Gestüts Marbach) zutage.

Die Lauter-Quelle

Die Große Lauter entspringt in ihrem Quelltopf im Gomadinger Ortsteil Offenhausen aus dem Unteren Massenkalk (joMU, früher Weißjura δ genannt) am Rand des Ur-Lauter-Trockentals. Die heutige Wasserscheide Rhein/Donau liegt nur knapp einen Kilometer westlich in diesem Trockental.

Die Quellschüttung wird mit 250 l/s angegeben (Huth/Junker). Von dieser Wassermenge bemerkt man im aufgestauten Quelltopf aber recht wenig. Nur sanft biegen sich Wasserhahnenfußgewächse in der Strömung, die etwa ein Drittel der Wasserfläche vor dem Stauwehr bedecken.

Die beliebte Online-Enzyklopädie Wikipedia zeigt sich in der Beschreibung der Lauter-Quelltopf- Vegetation ausgesprochen erfinderisch (letzter Abruf September 2017):

Nur dort wächst endemisch das Lauterquellkraut, eine Unterart der Buckligen Wasserlinse mit etwas flacher gewölbten Blättchen, das dort stabil auf einer Fläche von 25 bis 40 Quadratmetern sein ausschließliches Verbreitungsgebiet findet. Die Annahme, dass diese Mutation durch die mineralische Zusammensetzung des Karstwassers der Quelle hervorgerufen worden sein soll, konnte bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden.

Unsere Ortsbesichtigung ergab nun: Wenn hier nicht seit Abfassung des Wikipedia-Eintrags fundamentalste Veränderungen in der örtlichen Botanik stattgefunden haben, ist er frei erfunden. Weder findet sich im Quelltopf der Großen Lauter die Bucklige Wasserlinse (Lemna gibba) noch gar eine endemische Unterart. Auch einen Quellennachweis für dieses „Lauterquellkraut“ blieb Wikipedia schuldig. Nach der floristischen Kartierung Baden-Württembergs (http://www.florabw.recorder-d.de/) gibt es im weiteren Umkreis keine Lemna gibba. Einschlägige Werke wie die Buttlersche Florenliste Deutschlands (http://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm) kennen auch keine Unterart. Wenn denn je an dieser Stelle eine Lemna beobachtet worden wäre, könnte an Lemna minor gedacht werden, deren flachbäuchigere Form ggf. mit Lemna gibba verwechselt wurde (Hinweise von Dr. K.H. Müller).

Was also wächst nun im Lauter-Quelltopf? Die Pflanze ohne Schwimmblätter zeigt sich mit fein zerteilten haarförmigen Wasserblättern, die außerhalb des Wassers pinselförmig zusammenfallen. Ihre Stängel sind kürzer als die des Flutenden Wasserhahnenfußes. Daher entschieden wir uns für den Haarblättrigen Wasserhahnenfuß (Ranunculus trichophyllus; Abb. 2):

Haarblättriger Wasserhahnenfuß (Ranunculus trichophyllus)

Abb. 2: Der Wasserhahnenfuß des Lauter-Quelltopfs links im Wasser, rechts außerhalb.

 

Literatur

Michael Siebert, Juli 2017

 

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