Exkursionsberichte aus Griechenland 2019
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Die im Bericht angesprochenen Literaturnachweise sind einer PDF-Datei angehängt, in der alle Berichte zur Exkursion 2019 in einer druckfähigen Version zusammengestellt werden: Exkursionsberichte Griechenland 2019-I (16 MB).

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Argos – Ein archäologisches Rätsel

Die Zufahrtsstraße zum Burgberg von Argos – der Larissa – ist für Reisebusse nicht befahrbar. Damit scheidet dies Ziel für den Massentourismus aus, was eine Besichtigung in herrlicher Ruhe ermöglicht, die grandiose Aussicht auf Argos und seine weite Ebene eingeschlossen. Sie ist mit der von Midea auf der anderen Seite vergleichbar. Beide Gipfel ragen ähnlich hoch aus der Ebene empor (Midea 268 m NN, die Höhenangaben zur Larissa divergieren: Kirsten-Kraiker S. 344 nennen 289 m, Higgins S. 48 hingegen nur 276 m).

Man muss aber nicht gleich mit dem Auto bis vor die Burg fahren. Landschaft und Höhenverhältnisse lassen sich besser ermessen, wenn man den Aufstieg zu Fuß nimmt, für den etwa eine Stunde zu rechnen ist. Abb. 1 zeigt einen Weg, der seinen Ausgang am antiken Theater nimmt, das um 350 vC errichtet worden war und an die 16.000 Zuschauer gefasst haben dürfte. Für den Abstieg sollte man später die Nordflanke des Burgbergs wählen, an der zunächst die Zufahrtsstraße, dann Feldwege bis zum Sattel vor dem Aspis-Hügel führen. Der Bergsattel zwischen Aspis und Larissa trägt den Namen Deiras und verbirgt in seinem Baum- und Strauchbewuchs eine wichtige Nekropole aus mykenischer Zeit.

Die heutige, gut erhaltene Larissa-Burg stammt aus dem Mittelalter und setzt sich aus einer von den Byzantinern geschaffenen Grundstruktur mit Ergänzungen durch Kreuzfahrer („Franken“) und Venezianer zusammen. Man betritt die frei zugängliche Anlage durch den Südhof neben einem mächtigen eckigen Zentralturm, gelangt in die Kernburg mit teilweise restaurierten Wehrgängen und kann sodann über ein östliches Nebentor im Südhof die ausgedehnten äußeren Befestigungsanlagen bis hin zu den Doppeltürmen im Norden durchstreifen. In der gesamten Burganlage sowie im südlichen Vorfeld sorgten mehrere mächtige Zisternen für die Wasserversorgung. Schließlich verlässt man die Burg an der Südspitze der äußeren Befestigungsanlagen. In der gesamten Anlage sorgen sorgfältig gestaltete Tafeln für die nötige Information.

Argos ist in der griechischen Mythologie jener Ort, über den wohl die am längsten zurückreichenden und kompliziertesten Geschichten erzählt werden (mehr dazu in „Griechische Mythologie“ auf homersheimat.de, Abschnitte 3-5 – PDF-Datei). In der späten Bronzezeit, also der mykenischen Epoche, müsste somit an dieser Stelle eine bedeutende Siedlung mit Herrscherpalast existiert haben. Doch archäologisch konnte ein solcher Palast mit einer mykenischen Stadt (bislang) nicht nachgewiesen werden. Diese Diskrepanz zwischen Mythologie und Archäologie macht Argos zu einem Rätsel.

Die Problematik lässt sich auch in Fernblicken verdeutlichen (Abb. 2). Der Larissa-Burgberg über dem modernen Argos, das sich in der flachen Ebene mit Höhen kaum über dem Meeresspiegel ausbreitet, ist von überall in der Argolis sofort zu identifizieren. Als vorgelagerter spitzer Kalkberg hebt er sich exponiert von der Kulisse des Pindos-/Parnon-Gebirges ab, das sich durch den gesamten Peloponnes hindurch nach Süden bis in dessen östlichen ‚Finger‘ erstreckt. Diese exponierte Lage der Larissa, aber auch der ebenmäßig wie ein gewölbter Rundschild geformte vorgelagerte Aspis Hügel sind beide topografisch dafür prädestiniert, Herrschersitze aufzunehmen.

Mykene hingegen liegt nicht nur deutlich zurückgenommen in einem nordöstlichen Seitenbereich hinter der argolischen Ebene. Sein vor Ort steil in eine Schlucht abfallender Burgberg verschmilzt im Fernblick geradezu mit der Kulisse des Agiolias-Berges in seinem Rücken. Zu allen anderen wichtigen historischen Orten in der Argolis – zum zentralen Heiligtum der Hera am östlichen Bergrand, zu den Festungen Tiryns und Midea sowie zum Argolis-Hafen Nafplio – hat Mykene (anders als Argos) keine Sichtverbindung (es ist allerdings auch von Argos aus nicht einfach, die prinzipiell sichtbare Festung Midea in der östlichen Berglandschaft auszumachen).

Der visuelle Eindruck der Fernblicke kann schon gar nicht bestätigen, dass beide Burgen – Larissa wie Mykene – tatsächlich ungefähr auf gleicher Höhe liegen. Während sich die Larissa steil aus der Ebene erhebt und einen einstündigen Anstieg erforderlich macht, gleitet der Burgberg von Mykene sanft aus seinem hügeligen Umfeld hinter dem Rand der Schwemmebene hervor. Das ermöglichte hier die Anlage von Gräbern, Siedlungsgebäuden und Feldern im unmittelbaren Umfeld der Burg. Auch Quellen gab es direkt neben der Burg, die später in die Befestigungsanlagen einbezogen wurden. Sie bezogen ihr Wasser aus dem Aigiolos-Massiv.

In Argos hingegen ist es wegen der schroffen Felswände auf direkter Linie zum Aspis Hügel kaum vorstellbar, dass sich eine zusammenhänge Siedlungsstruktur aus der Ebene heraus bis hinauf zur Burg gezogen habe – so insinuiert es (fast ein wenig verzweifelt) zumindest die Kartenskizze bei Kirsten-Kraiker (S. 346, Abb. 97 a – hier Abb. 3). Auch konnte die Wasserversorgung (im Mittelalter) nur durch voluminöse Zisternen gesichert werden, die die winterlichen Niederschläge fürs restliche Jahr zu puffern hatten. Bronzezeitliche Pendants wurden nicht gefunden. Nur in der Ebene gab es mit dem Argos umströmenden Inachos eine Frischwasserversorgung aus dem entfernten Pindos-Gebirge.

Die aus den Fernsichtbeziehungen gut nachvollziehbare Randlage von Mykene, das quasi wie ein Zaungast nur in einen Teil der Ebene blickt und dabei an bedeutenden Stätten lediglich den Antipoden Argos zu sehen bekommt, könnte eine rätselhafte Darstellung bei Homer motivieren. Der hatte in seinem Schiffskatalog der Flotte gegen Troia, der im Grunde eine differenzierte Beschreibung Griechenlands ist, eine befremdliche Aufteilung des zusammenhängen Argolis-Raums in zwei Kontingente vorgenommen. Unter Führung von Argos wird in dessen 8. Kontingent u.a. das „ummauerte“ Tiryns aufgeführt, ferner Städte auf der argolischen Halbinsel im Südosten sowie vorgelagerte Inseln (Karte dazu im Bericht zu Korinth). Midea wird im Schiffskatalog nicht erwähnt, auch nicht Nafplio als argolischer Hafen. Homer nennt generell keine Hafenstädte in seiner Beschreibung der Flottenkontingente – im Gegensatz zu der im Midea-Bericht zitierten ägyptischen Amenophis III-Quelle (Edel/Görg 2005), die ebenfalls zwischen zwei Zentren in der Argolis differenziert und diese mit Nafplio (im Raum Argos) sowie Mykene identifiziert. Da aber Argos durch den damals zum Meer hin vorgelagerten Lerna-See vom direkten Meereszugang getrennt war (vgl. Abb. 8), bleibt nur Nafplio als Hafen der Argolis.

Im Kontingent des Agamemnon nennt Homer hingegen nur Städte, die nördlich der „wohlerrichteten Feste“ Mykene liegen. Damit hätte Mykene am südlichen Rand eines Herrschaftsgebietes gelegen, dass sich über Korinth hinaus weit nach Norden bis Achaia am Golf von Korinth erstreckte, mit der Argolis aber nicht viel zu tun hatte.

All das unterstreicht auch aus Homers Sicht die besondere Stellung von Argos. Erneut stellt sich also die Frage, welche mykenischen Spuren sich – trotz fehlenden Palast-Nachweises – in Argos finden lassen?

Kirsten-Kraiker sind – in Übereinstimmung mit den Beschilderern der Larissa-Burg – der Meinung, dass auf dem Larissa-Berg bereits im „2. Jahrtausend“, also zu mykenischer Zeit, eine Burg stand (S. 345). Vor Ort wird – etwas zurückgesetzt hinter der östlichen mittelalterlichen Ummauerung der Kernburg, die heute von einem betonverstärkten Sockel getragen wird – eine „mykenische Befestigungsmauer“ ausgewiesen (Pfeil 1 in Abb. 4). Hinter der Südmauer und einem zugemauerten byzantinischen Tor darin, weist ein weiteres Schild auf eine „mykenische Torschwelle“ („Mycenaean threshold“) hin (Pfeil 2 in Abb. 4).

Die Mauer aus unbearbeiteten Kalksteinblöcken ist nicht „zyklopisch“ zu nennen und hat damit auch nicht die Qualität der spätmykenischen Befestigungen von Tiryns und Mykene. Sie könnte somit älter als diese sein. Die Torschwelle ist zerbrochen. Sie besteht nicht wie die Schwellen des Löwentores oder des Zwingertores zur Oberburg von Tiryns aus Konglomerat, sondern aus einem geglätteten Kalksteinmonolith, der inzwischen mehrfach zerbrochen ist. Auch dies spricht für eine etwas ältere Datierung, wenn man daran denkt, dass die Oberburg von Mykene noch aus Kalkstein und erst die späte Burgerweiterung von ca. 1250 aus Konglomerat gefertigt wurde. Ebenso entstanden die Verstärkungen der Oberburg von Tiryns mit dem Zwingertor erst zu jener späten Zeit (Abb. 5).

Die beiden baulichen Reste aus mykenischer Zeit indizieren eine Anlage innerhalb der Konturen der mittelalterlichen Kernburg, die bei weitem nicht die Erstreckung von Mykenes Oberburg gehabt haben kann.

Abb. 6 zeigt Grundrisse der beiden Burgen im gleichen Maßstab:

Die Burg von Mykene im Vergleich zur Kernburg auf der Larissa von Argos

Abb. 6: Die Burg von Mykene im Größenvergleich zur Burg von Argos (nur die Kernburg nebst südlichem Vorhof und Zentralturm)

 

Danach hätte eine mykenische Burg auf der Larissa allenfalls die Erstreckung des Palastbereichs von Mykene erreicht – ohne alle Nebengebäude, die in Mykene ergänzend in das Burgareal eingeschlossen waren.

Wesentlich mehr Platz gab es in Argos auf dem sogenannten Aspis-Hügel. Dessen Name leitet sich vom Rundschild der griechischen Hopliten ab, dem er mit seiner Form und leichten Wölbung ähnelt. Eine Burg oder ein Palast auf diesem Hügel hätte auch – wie in Mykene – in engem Verbund mit einer Siedlung an seinem Fuß stehen können.

Die „Griechenlandkunde“ der beiden Althistoriker Ernst Kirsten und Wilhelm Kraiker hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Rezeption der griechischen Antike und Frühgeschichte durch viele Griechenlandreisende geprägt. Für die Besiedlung des Aspis-Hügels von Argos vertraten sie die Ansicht, dass dieser Hügel erst seit Einwanderung der Dorier besiedelt worden sei (Kirsten-Kraiker S. 344). Aus heutiger Sicht waren die von Norden her nach Griechenland und insbesondere den Peloponnes eingesickerten Dorier nicht (wie man zunächst angenommen hatte) für den Zusammenbruch der mykenischen Herrschaftssysteme verantwortlich, weil sich ihre Einwanderung erst ein bis zwei Jahrhunderte danach vollzog. Eine Erstbesiedlung durch diese Migranten würde also eine mykenische Nutzung auf der Aspis ausschließen.

Doch insofern waren Kirsten und Kraiker offenbar nicht ‚auf dem laufenden‘. Bereits Anfang des letzten Jahrhunderts hatte der Archäologe Wilhelm Vollgraff umfangreiche Grabungen auf und um die Aspis durchgeführt. Er rekonstruierte mehrere Befestigungsringe mit Megaron-artigen Bauten darin und datierte sie auf „prähistorische“,jedenfalls vormykenische Zeit (Vollgraff 1907, Tafel V nach S. 184).

Im Prinzip werden die Vollgraff’schen Befunde durch die heutige Archäologie bestätigt und weiter ergänzt. Danach gab es auf der Aspis in der Mittleren Bronzezeit (Middle Bronze Age – MBA), also in vormykenischer Zeit bis zum Anfang der Späten Bronzezeit (Late Bronze Age – LBA), als die mykenische Periode gerade erst heraufdämmerte, insgesamt vier Stadien einer baulichen Entwicklung, die durch konzentrische Befestigungsanlagen gesichert wurde (Abb. 7 nach Papadimitriou et al 2015, S. 163). Interessant ist auch der vermutlich geschlossene Ring aneinander grenzender Räume, die einen kasemattenartigen Eindruck vermitteln und insofern den Befestigungsanlagen im nahen Lerna jener Zeit ähneln. Papadimitriou et al 2015 sind der Meinung, dass dieser Gebäudering innerhalb der äußeren Befestigungsanlage (‚a‘ in Abb. 7) der Verstärkung des Verteidigungssystems gedient habe (S. 162).

Doch an der Wende zur späten Bronzezeit wurde die Besiedlung/Befestigung des Aspis-Hügels aufgegeben und erst in spätklassischer bis hellenistischer Zeit wieder aufgenommen. Damit lag die frühe Blüte von Argos in der Mittleren Bronzezeit, was sich in gewisser Weise mit den Erzählungen der Mythologie deckt, die Argos ebenfalls besonders tief in der Vorgeschichte verankern. In mykenischer Zeit hingegen dürfte die Gewalt über die Argolis auf die zyklopisch ummauerten Festungen auf der anderen Seite übergegangen sein: Tiryns, Midea und Mykene – in welcher Organisationsform auch immer.

Dennoch blieb Argos am Fuß der Aspis nicht unbesiedelt. Soweit es die dichte moderne Überbauung zuließ, gelangen in vielen kleinen archäologischen Fenstern immer wieder Einblicke, die für Siedlungskontinuität auch in mykenischer Zeit sprechen.

Dieser Befund wird durch die große Nekropole untermauert, die in mykenischer Zeit am westlichen Rand der Aspis entstand. Wie in Mykene wurde auch für deren Anlage ein Bergsattel ausgewählt, nämlich der Deiras zwischen Aspis und Larissa.

Hintergründe dieser Standortwahl erschließen sich auch aus geologischer Perspektive (Abb. 8): Danach sind der vorgeschobene Larissa-Berg und der ihm wiederum vorgelagerte Aspis-Hügel aus dem gleichen Gestein, wie das westlich anschließende Pindos-/Parnon-Massiv (co in Abb. 8), nämlich aus hartem triassischen und kreidezeitlichen Kalk. Die Aspis ist von der Larissa und diese vom Pindos-Massiv jeweils durch eine Störung getrennt. In den Lücken ist Flysch aufgeschlossen. Diese heterogenen Tiefseesedimente, die ursprünglich aus Rutschungen von aufsteigenden Gebirgen stammen, sind jünger als die umgebenden Kalkformationen. Deren hier zerteilte Blöcke wurden im Zuge der tektonischen Überschiebungen, die die Geologie Griechenlands aufbauen, auf den Flysch aufgeschoben.

Am Deiras-Sattel finden wir nun die Gesteine unmittelbar nebeneinander. Während der dem Sattel zugewandte Aspis-Rand aus Flysch besteht (Abb. 9), steht bereits wenige Dezimeter oberhalb der harte Kalkstein an. Den weicheren angewitterten Flysch haben sich die mykenischen Erbauer ausgesucht, um ihre Schacht- und Kammergräber, teilweise mit Dromos, in dies Gestein hineinzuarbeiten. Im härteren Kalk nebenan wäre das damals technisch nur schwer möglich gewesen. Dieser Kalk wurde erst an klassisch-antiker Zeit zur Basis und zum Baumaterial einer ganzen Serie von Sakralbauten, die den besonderen Ort des Deiras-Sattels zwischen Aspis und Larissa weiter pflegten. Den ubiquitären Steinraub konnte im Wesentlichen nur eine 27 m breite Freitreppe überleben, weil sie aus dem anstehenden Kalk herausgearbeitet worden war (Abb. 10).

Die mykenischen Gräber am Aspis-Rand befinden sich heute in einem desaströsen Zustand. Überwuchert von Bäumen und Sträuchern, teilweise verschüttet oder mit Parkplätzen überbaut und seit Jahrzehnten nicht mehr gepflegt, kümmern sie dahin und sind im Dickicht kaum noch aufzufinden. Sie werden auch vor Ort nicht dokumentiert.

Nur mitten in Argos fand sich eine verlorene Infotafel, auf der Erinnerungen an die Aspis-Nutzung in frühgeschichtlicher Zeit verzeichnet sind (Abb. 11).

Infotafel zur Deiras und dem Aspis-Hügel in Argos

Abb. 11: Ausschnitt aus einer Infotafel in Argos. Am unteren Bildrand sind Strukturen der Gräber am Deiras-Sattel (Μυκηναικο Νεκροταφειο Δειραδας 1600-1100) dargestellt, darüber Strukturen der sakralen Baugeschichte am Sattel und innerhalb der Aspis-Umfahrungsstraße die Strukturen der MBA-Bebauung des Aspis-Hügels, noch nach dem Vollgraff-Plan von 1907 (vgl. zur heutigen Sicht auf diese antike Bebauung Abb. 7). Oben links ist ein Beispiel für die verwahrlosten mykenischen Gräber überlagert (Foto aus Mai 2018)

 

Die Infotafel ist in manchem nicht korrekt. Insbesondere verteilt sie das etwa ein Drittel der Gesamtanlage messende südliche Gräberfeld auf den gesamten Abschnitt des hier noch „Prof. Elias“ (Προφ. Ηλια) genannten Sträßchens (heute: Aspidos). Auch die wichtigste Informationsinstanz, die üblicherweise für interessierte Besucher zu haben ist, ein örtliches Archäologisches Museum, fällt in Argos aus. Es gibt dies Museum zwar, doch es ist seit Jahren – und offenbar auf unbestimmte Zeit – geschlossen.

Einen kleinen Lichtblick verheißt ein 2010 gestartetes Projekt, das die bereits 1904 durchgeführten und nie vollständig publizierten Grabungen im mykenischen Gräberfeld aufzuarbeiten sucht (Zwischenbericht in Philippa-Touchais 2015 – vgl. Abb. 12). Danach wurden im Gräberfeld am Aspis-Rand insgesamt 37 Kammer- oder Schachtgräber gefunden (die nördliche Gruppe wurde nach den Grabungen wieder zugeschüttet). Sie decken fast die gesamte mykenische Periode von LH IIA (ab ca. 1600) bis LH IIIC (Ende der mykenischen Periode um 1050 vC) ab. Die (an den Grenzen etwas unsicheren) Datierungen erfolgten entlang der gefundenen Töpferware, die die wesentlichen Grabbeigaben ausmachte.

Große Tholos-Gräber wie in Mykene wurden hier nicht gefunden. Auch das spricht dafür, dass in mykenischer Zeit bedeutende Herrscher in Argos nicht mehr residierten und erklärt vielleicht auch das Fehlen ihres Palastes. Immerhin haben die Archäologen aber drei respektable Kammergräber freigelegt, die mit langen Dromos-Zugängen ausgestattet waren. Sie bemessen sich zwischen 13 m (Anfang allerdings durch die Aspidos-Straße überbaut) und 19 m (Grab V in Abb. 12). Zum Vergleich: der Dromos des größten aller Tholos-Gräber – „Schatzhaus des Atreus“ in Mykene – misst 36 m in der Länge.

Michael Siebert, Juli 2019

 

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Die im Bericht angesprochenen Literaturnachweise sind einer PDF-Datei angehängt, in der alle Berichte zur Exkursion 2019 in einer druckfähigen Version zusammengestellt werden: Exkursionsberichte Griechenland 2019-I (16 MB).

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