Das Erdbeben von Sparta 464 v. Chr.

Dieser Beitrag befasst sich mit einem sehr lange zurückliegenden antiken Beben, das dem Aufstieg Spartas im 5. Jahrhundert v. Chr. vorübergehend einen schweren Rückschlag zugefügt hat. Neuere geologische Untersuchungen geben Aufschluss über dies Ereignis, das in den historischen Berichten nur sehr vage beschrieben wird.

Eine um Quellennachweise und Anmerkungen ergänzte Fassung dieses Beitrags wird in einer PDF-Version bereitgestellt: Erdbeben-Sparta-464.pdf (öffnet auf separatem Reiter).

 

Griechenland ist besonders stark von Erdbeben betroffen. Obwohl es nur 0,09 % der Erdoberfläche abdeckt, werden hier etwa 2 % der Erdbeben-Energie freigesetzt, mithin mehr als das 20-fache eines weltweiten Durchschnittswertes (Abb. 1). Da die zugrunde liegenden Ereignisse auf lange, die menschliche Wahrnehmung weit übersteigende erdgeschichtliche Prozesse zurückgehen, war die Erdbebenintensität auch in der griechischen Frühgeschichte nicht anders. Wir haben heute lediglich genauere Kenntnisse, weil erst seit Ende des 19. Jahrhunderts die auftretenden Beben genauer dokumentiert werden, wozu immer weiter verfeinerte Messtechniken verhelfen. Von großen historischen Beben sind nur wenige überliefert, die literarischen Quellen bleiben zudem vage. Deshalb ist es noch immer nur eine Vermutung, dass der Untergang der mykenischen Kultur zum Ende der Bronzezeit (um 1200 v. Chr.) auch auf außergewöhnliche Erdbeben zurückgeführt werden könnte.

aktuelle Erbebenkarte Griechenlands

Abb. 1: Täglich aktualisierte Übersicht über Erdbeben in Griechenland und der Ägäis. Die zugrunde liegende Datenbank der „Aristotle University of Thessaloniki“ (AUTH) im Web: geophysics.geo.auth.gr.

 

Im Mai 1991 hatte ein französisch-griechisches Geologenteam in der Fachzeitschrift Nature über die Auswirkungen eines besonders starken antiken Bebens berichtet. In Lakonien, im Süden des Peloponnes, am westlichen Rande der Ebene von Sparta sei es in Folge dieses Bebens entlang einer geologischen Verwerfung über 20 km hinweg zu einer dramatischen Abschiebung gekommen. Den schlagartigen vertikalen Versatz der Ebene gegen das hier steil bis 2.400 m aufragenden Taygetos-Gebirge haben die Geologen im zentralen Einbruchsabschnitt auf 10 bis 12 m bemessen.

Abschließend schätzen die Geologen in ihrem Nature-Artikel eine „maximale“ Wiederholungszeit von Beben in Lakonien mit derartigen Auswirkungen auf eine Größenordnung von 3.000 Jahren. Ein solcher Zeitraum liegt zunächst einmal weit jenseits unserer Lebenswirklichkeit. Dennoch sollte eine mögliche Wiederholungsgefahr irritieren, weil die prognostizierte Wiederholungsspanne zu Ende geht. Denn die Geologen haben das verursachende Erbeben auf eine Zeit vor ungefähr 2.500 Jahren datiert. Mehr noch: Schon im Titel des Forschungsberichts wird ein sehr präzises Datum genannt: das Jahr 464 v. Chr. Die Aktualität einer Bebenwiederholung wäre damit keine Frage der Geologie, sondern nur noch eine Frage der Zuverlässigkeit dieses Bebendatums. Denn die Frage sollte gestellt werden: Wie konnten die Geologen dieses Beben so genau datieren?

Zu diesem Problem gibt es kein geophysikalisch-messtechnisches Verfahren, über das sich das Alter einer solch gewaltigen Abschiebung ermitteln ließe. Der Nature-Artikel stellt sich nicht einmal die Datierungsfrage, weil er sich schlicht der Sichtweise „vieler Historiker“ anschließt, dass das letzte zerstörerische Erdbeben bei Sparta eben in diesem Jahre 464 v. Chr. stattgefunden habe.

Googelt man „Erdbeben Sparta 464“ so finden sich zahlreiche Webseiten, die immer wieder das Gleiche vor sich hin plappern: bei diesem Beben im Jahre 464 v. Chr. seien 20.000 Menschen umgekommen, das Beben habe zum Aufstand der Heloten gegen Sparta geführt, es habe dessen militärische Stärke für längere Zeit stark geschwächt. Manche wissen sogar anrührende Details, die man heutzutage gerne „liked“ – etwa dass die Jungen im Gymnasium von Sparta einem Hasen nach draußen gefolgt seien, der sich in ihr Gebäude verirrt hatte und dass sie so dem unmittelbar folgenden Zusammensturz der Hauses entkamen – als ob die Autoren der Webseite dabei gewesen wären. Keine dieser luftigen Quellen kommt aber auf die Idee, jene Datierung auf 464 v. Chr. auch nur ansatzweise zu hinterfragen, die doch eine hohe Präzision beansprucht. Selbstredend wird für diese Jahreszahl auch nirgends eine Quelle genannt.

Die Datierung ist schon deshalb problematisch, weil es zu jener Zeit der olympischen Götter, als an einen Jesus Christus noch nicht zu denken war, keinen Kalender gab, der ein Jahr 464 vor Christus hätte ausweisen können. Man rechnete damals vielleicht in den Herrschaftsjahren eines Königs oder auch in Olympiaden, also dem vierjährigen Rhythmus zwischen Olympischen Spielen, deren erste aus heutiger Sicht im Jahre 776 v. Chr. stattgefunden haben könnten. Doch selbst diese Zeitrechnung wird erstmals einem Timaios von Tauromenion zugeschrieben, der zwischen ca. 345 und ca. 250 v. Chr. (nicht einmal das weiß man genau) auf Sizilien gelebt habe – mithin sehr lange nach den ersten olympischen Spielen und noch über ein Jahrhundert nach jenem angeblichen Erdbebenjahr.

Die Nature-Geologen behaupten, es gäbe „drei unabhängige zeitgenössische Beschreibungen des Erdbebens von 464 v. Chr.“:

Schweigen wir über jenen gemutmaßten unbekannten Autor, der Cicero (106 bis 13 v. Chr.), Plinius (23 bis 79 n. Chr.) und Plutarch (45 bis 125 n. Chr.) mit Informationen übe das Beben versorgt haben soll. Dass diese drei nicht als „zeitgenössisch“ eingeordnet werden können, sollte auch für Geologen auf der Hand liegen. Die Ausführungen des Diodor  von Sizilien (dieser nur vage auf die 1. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. datierbar) liegen ebenfalls zeitlich weit hinter dem fraglichen Ereignis und sind nach Einschätzung von Eduard Meyer, einem profunden Kenner der alten Geschichte, „völlig willkürlich und bedeutungslos“.

Bleibt also Thukydides – eine beeindruckende Quelle, weil der Historiker und Athener Strategie zeitgleich zu seinem Verlauf über den großen Peloponnesischen Krieg zwischen den Imperien von Sparta und Athen berichtet hat, also Zeitgeschichte schrieb. Man datiert heute seine Geburt auf das Jahr 454 v. Chr., so dass der zehnjährige Knabe ein in Athen nicht spürbares Beben im fernen Sparta von 464 kaum selbst wahrgenommen haben dürfte. Er war auch – nach allem, was wir wissen – nicht in Sparta auf dem Gymnasium, als dass er die rührselige Geschichte vom lebensrettenden Hasen hätte erleben können.

Da sich der ungemein zerstörerische Peloponnesische Krieg aus heutiger Historikersicht über fast drei Jahrzehnte zwischen 431 und 404 v. Chr. hingezogen hatte, lag jenes Erdbeben deutlich vor diesem Krieg. Thukydides erwähnt es daher nur im Kontext einer Skizze zur Vorgeschichte des Peloponnesischen Krieges. Die bestand vor allem aus einem ähnlich dramatischen, zudem transkontinentalen Krieg, den die griechischen Stadtstaaten in ihrem Abwehrkampf gegen die persischen Heere der Großkönige Darios I und Xerxes I ausfechten mussten. Wir können den Verlauf der Perserkriege auf griechischem Boden und vor dessen Küsten zwischen dem Ionischen Aufstand gegen die Perser in Kleinasien (um 500 v. Chr.) und der Schlacht von Plataia (479 v. Chr.) abstecken, dazwischen die berühmte Schlacht von Marathon (490), der Untergang von 300 Spartiaten unter ihrem König Leonidas an den Thermopylen (480) und die Seeschlacht vor der Insel Salamis (479) – Abb. 2. Das besagte Beben hätte somit in der Lücke zwischen beiden Kriege stattgefunden.

Der Ägäisraum zur Zeit der Perserkriege

Abb. 2: Der Ägäisraum zur Zeit der Perserkriege (Ausschnitt aus einer Wikimedia-Grafik, verändert).

 

Auch diese zeitliche Lücke war beileibe keine Friedensära. Zum einen gingen die Kriege mit Persien in Kleinasien und im östlichen Mittelmeerraum weiter und wurden erst um 449 durch den Athener Strategen Perikles und den persischen Großkönig Artaxerxes vertraglich beendet. Zum anderen hatte sich bereits in den Perserkriegen die Beziehung der beiden dominanten griechischen Stadtstaaten von Sparta und Athen konkurrent entwickelt, die sich später im Peloponnesischen Krieg totfeindlich entfesseln sollte. Schon in der Zwischenära zeichnete sich diese Frontstellung immer deutlicher ab.

Dies lag vor allem daran, dass Athen in dem von ihm angeführten Delisch-Attischen Bund immer mächtiger wurde und seine Begehrlichkeit auf das rohstoffreiche Thrakien mit der vorgelagerten Insel Thasos weit im Norden am dortigen Ägäisrand richtete (vgl. zur Lage von Thasos die obere Bildmitte in Abb. 2). Die Bewohner von Thasos hatten anfangs die Befreiung von der erdrückenden persischen Herrschaft sehr begrüßt, sahen sich nun aber als Opfer des Athener Expansionsstrebens. Sie riefen deshalb Sparta um Hilfe, das einen Entlastungsangriff auf Attika (also den Athener Kernraum) zu planen begann.

Hier kommt die Darstellung von Thukydides ins Spiel: Er erwähnt die Goldbergwerke, die die Thasier in Thrakien ausbeuteten. Er erzählt von einer für Athen siegreichen Seeschlacht gegen Thasos, nach der Athen 10.000 Siedler ins erzreiche Thrakien zu schaffen begann. Und dann folgt die einzige aus literarischer Überlieferung verbürgte sowie einigermaßen zeitgeschichtliche Stelle, an der das Sparta-Erdbeben Erwähnung findet:

Die Thasier, in den Gefechten besiegt und dann auch belagert, baten die Lakedaimonier um Hilfe und forderten sie auf, ihnen durch einen Einfall nach Attika beizustehen. Diese versprachen es zwar, ohne dass es die Athener erfuhren, und hatten auch die Absicht, wurden aber durch ein Erdbeben gehindert; zur gleichen Zeit fielen außerdem die Heloten und von den Periöken die Thuriaten und die Aithaier ab und besetzten Ithome. Die meisten der Heloten waren Abkömmlinge der einst unterworfenen Messenier; daher wurden sie auch alle Messenier genannt. Gegen die Aufständischen vom Ithome erwuchs den Lakedaimoniern nun ein Krieg. Die Thasier aber schlossen im dritten Jahr der Belagerung einen Waffenstillstand. Sie rissen die Mauern nieder, übergaben die Schiffe, erklärten sich einverstanden, Geld, soviel notwendig sei, sofort zu zahlen, künftig Tribut abzuliefern und das Festland und das Bergwerk aufzugeben (Thukydides, Peloponnesischer Krieg, 1. Buch, Tz 101).

Thukydides formuliert nicht einmal einen Kausalzusammenhang zwischen dem Helotenaufstand im westlich benachbarten Messenien und dem Erdbeben von Sparta, er nennt nur zeitliche Koinzidenz. Ansonsten liefert diese Beschreibung eine historische Einordnung, keinesfalls aber eine Jahreszahl. Und so datiert Lukas, ein Experte der Sparta-Geschichte, wo es um die Aufstellung einer Zeittafel geht, dies Beben vorsichtig auf „469/8 oder 464“.

Warum eigentlich neigen sowohl die Nature-Geologen wie die Internet-Plauderer zu einer solchen Scheingenauigkeit? Obwohl ungesichert, klammern sich beide an eine präzise anmutende Jahreszahl. Das enthebt wohl von genauerer Betrachtung des komplizierteren Kontextes. Hier geht es um die Zeit zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Krieg, in der Sparta durch das schwere Erdbeben einen Rückschritt in seiner Machtentfaltung erlitt. Diesen Rückschlag konnte es allerdings durch Änderungen im Staatswesen wettmachen, so dass es letztlich als Sieger aus dem großen peloponnesischen Abschlachten hervorging. Aus einer solchen Perspektive können wir mehr gewinnen als nur eine Jahreszahl – den Hinweis nämlich, dass selbst ein so gewaltiges Beben, wie es die Nature-Geologen für Sparta beschreiben, eine Kultur nicht beenden kann. Ähnliches wäre dann auch für die mächtige mykenische Kultur anzunehmen, die gut 700 Jahre zuvor zu Ende ging.

Kommen wir zum geologisch Fachlichen, in dem sich die Nature-Geologen besser auskennen als in der antiken Geschichte. Aus ihrer Arbeit ist eine Kartenskizze hervorgegangen, die den geografisch-geologischen Raum um Sparta gut charakterisiert. In Abb. 3 habe ich die schwarzweiß-Zeichnung aus der Quelle zwecks größerer Anschaulichkeit farbig hinterlegt.

Schräg durchs Bild verläuft die Ebene von Sparta (v.a. hellgrün) auf einem Niveau um die 200 m NN. Der mächtige, binnen weniger Kilometer bis auf über 2.400 m aufsteigende Gebirgszug des Taygetos ist mit wenigen Höhenlinien und gestuften Brauntönen angedeutet. Beide Bereiche werden von der Verwerfungslinie getrennt, entlang derer das antike Beben von Sparta das Gelände der Ebene um die besagten 10 bis 12 m absacken ließ. Die steil­sten, in der Karte schwarz eingefärbten Abschnitte dieser Kante haben eine Neigung von um die 39°. Oberhalb schwächt sich die Abbruchkante in zwei Stufen auf 30°, dann 20° ab, was auf Erosion in lange zurückliegenden Zeiten zurückzuführen ist. In die Tiefe dürfte sich diese Abbruchfront noch an die 10 km fortsetzen. Es hat also in der unvorstellbar langen geologischen Geschichte der Peloponnes bereits viele große Erdbeben gegeben, mit denen der Sparta-Graben entlang dieser Kante immer wieder eingebrochen ist. Er hat sich nach jedem Beben auch immer wieder mit Sedimenten gefüllt hat, so dass die reale Tiefe des Grabenbruchs nicht erlebbar wird.

Die heutige Sedimentfüllung zeigt sich in ausgreifenden Schwemmfächern (rosa in der Karte), deren Material vor allem durch V-förmige Einschnitten in der Abbruchkante von den Hängen des Taygetos, aber auch durch Erosion der Abbruchkante selbst herangeführt wird (Abb. 4).

Es verbleiben in Abb. 3 Flächen, die dort blaugrau und gepunktet dargestellt sind. Sie schließen die Sparta-Ebene nördlich, östlich und südlich ab und stehen innerhalb der Ebene inselartig an. Ursprünglich handelte es sich bei diesen Gesteinen um eine geschlossene Decke mächtiger Sedimente des Pliozäns und des Pleistozäns. Nach einer Neudefinition im Jahre 2009 ist das Pliozän auf die Zeit zwischen 5,3 und 2,6 Mio. Jahren festgelegt und das Pleistozän – die Ära von wechselnden Kalt- und Warmzeiten – auf die nachfolgende Zeit bis vor 11.700 Jahren.

Der Eurotas-Fluss hat im Norden wie Süden diese Sedimente durchbrochen und vor allem die östliche Geländekante modelliert, indem er die plio-pleistozänen Sedimente ins nahe Meer abräumte. Die Fläche der Ebene wurde wiederum durch all die Eurotas-Zuläufe vom Taygetos erodiert, die dauerhaft oder periodisch durch die Einschnitte der Bruchkante strömen und heute vor allem für die besagten Schwemmfächer sorgen. So blieben bis heute in der Ebene nur noch einzelne Inseln der plio-pleistozänen Sedimente stehen. Sie wurden zu bevorzugten Siedlungsorten der mykenischen wie nachmykenischen Bewohner des Sparta-Tales. Einige Orte des homerischen, d.h. spätbronzezeitlichen Lakoniens, die durchweg auf diesen plio-pleistozänen Sedimentpaketen angelegt wurde, sind in der Geologen-Karte ergänzt (v.N.n.S: Menelaion, Amiklai, Pharis, Bryseai – vgl. dazu den Reisebericht Sparta auf homersheimat.de)

Die plio-pleistozänen Sedimentation vollzog sich vor allem in die großen Grabenbrüche des Peloponnes, die in dieser Ära längst ausgeprägt waren: im Süden sind das die beiden Gräben von Messenien und Lakonien zwischen den drei „Fingern“ der großen Gebirgshorste, im Osten des Peloponnes der Argolis-Graben und im Norden jener große Grabenbruch, der über den Golf von Korinth bis in den Saronischen Golf um die Insel Salamis reicht (Abb. 5).

Paläogeografie Griechenlands im Pliozän

Abb. 5: Paläogeografie des Pliozän (vor 5,3 bis 2,6 Mio. Jahren) –  andere Küstenlinien sowie kontinentale bis brackige Sedimentation in den Grabenbrüchen (Messenien, Lakonien, Argolis) und Becken (Arkadien, Böotien, Sperkhios). Links der Peloponnes und Zentralgriechenland, rechts die kleinasiatische Küste. Die brackigen und kontinentalen Sedimentationsbereiche wechselten teil- und zeitweise ihren Charakter.

 

Die plio-pleistozänen Ablagerungen waren vor allem kontinentalen Ursprungs. Sie bestehen also aus Sanden, Kiesen, Schottern und Tonen, die von den Gewässern aus den angrenzenden Gebirgen herangeschafft wurden. Diese Ablagerungen haben sich längst wieder zu neuen Gesteinen (Konglomeraten) verfestigt, die seit der mykenischen Bronzezeit gerne als Baumaterial Verwendung fanden.

Jene „Grabenbrüche“, in die hinein die plio-pleistozäne Sedimentation hauptsächlich stattfand, verweisen zudem auf eine wesentliche Ursache der vielen Beben in Griechenland. Sofern sich jene anfangs angesprochenen Webseiten zum Stichwort „Erbeben Sparta 464“ überhaupt über irgendwelche Bebenursachen äußern, beziehen sie sich auf einen inzwischen ins fortgeschrittene Problembewusstsein eingesickerten Tatbestand, dass Griechenland im Einwirkungsbereich einer sogenannten „Subduktion“ liegt. Das meint: hier schiebt sich die afrikanische Platte unter die europäische, weil sich der afrikanische Kontinent tektonisch nach Norden bewegt  und unter der europäischen Platte in die Tiefe des Erdmantels absinkt. Da dies Absinken einer Kontinentalplatte unter eine andere kein sanftes Gleiten, sondern ein beständiges Verhaken und abruptes Lösen der verhakten Gesteine bedeutet, ist ein solcher Prozess regelmäßig mit Beben verbunden, die sich bis in große Tiefen erstrecken.

Die wenigsten Beben sind aber auf diese Subduktion der afrikanischen Platte zurückzuführen. Vielmehr dürfte deren Absinken für die Hebung von Peloponnes und Zentralgriechenland verantwortlich sein, was dort die vielen und auch starken oberflächennahen Krustenbeben in Zuge von Grabenbrüchen auslöst. Und so stellen die Nature-Geologen auch für das antike Beben von Sparta fest, „that the 464 BC earthquake was not of subduction type“.  Es handelte sich vielmehr um ein Abschiebungsbeben mit Epizentrum an einer Störung in der oberen Erdkruste, entlang derer ein Teil des Geländes abrupt abrutschte. Solche Abschiebungen sind systematisch mit Dehnungen der Erdkruste verbunden, während ihr Gegentyp einer Aufschiebung auf Kompression der Erdkruste hinweist – Abb. 6 deutet diese Zusammenhänge schematisch an:

schematische Darstellung einer Abschiebung und einer Aufschiebung

Abb. 6: Links das Schema einer Abschiebung entlang einer schräg einfallenden Störung auf Grund dehnender Beanspruchung der Erdkruste, rechts das Gegenstück einer Aufschiebung bei komprimierendem Druck auf einen Bereich der Erdkruste.

 

Die heutige Erdbebenforschung ist in der Lage, aus Bebenwellen zu ermitteln, ob ein Beben auf Dehnungen oder Stauchungen in der Erdkruste zurückzuführen ist (Identifizierung von Spannungsfeldern durch sog. „Herdflächenlösungen“). Während diese Vorgänge in vertikaler Richtung verlaufen, gibt es einen weiteren Bebentyp, der aus horizontalen Krustenbewegungen hervorgeht. Dies ist vor allem der Fall, wenn zwei Kontinentalplatten in Gegenrichtung aneinander entlangschrammen und Spannungen, die sich aus ihrer Verhakung aufbauen, immer wieder abrupt lösen. Auch diesen Erdbebentyp kann die moderne Seismik aus den Bebenwellen erkennen.

geogrtafische Verteilung aller schwern Erdbeben in Griechenland von 550 v. Chr. bis heute

Abb. 7: Verteilung aller registrierten Beben im zentralgriechischen Raum mit einer Magnitude ³ 6 seit 550 v. Chr. bis heute. Insbesondere für die 20 in der Datenbank gelisteten antiken Beben zwischen -550 und 0 bei M ³ 6 gibt es in der Regel nur mehr oder weniger unzuverlässige Literaturberichte. Das Sparta-Beben von 464 v. Chr. ist markiert (Quelle: eigene Filterung und grafische Projektion des „Seismicity Catalog 550 BC – 2010“ mit insgesamt 11.411 Einträgen; im Web nebst Angabe der Quellen als dat-Datei: geophysics.geo.auth.gr).

 

Alle drei Bebentypen lassen sich in den Erdbeben im Raum Griechenland identifizieren. Das verweist auf sehr komplexe Geschehnisse, von denen hier nur drei wesentliche angedeutet seien:

1. Hebung Zentralgriechenlands. Im Bereich des Peloponnes und Zentralgriechenlands vollzieht sich ein kräftiger Hebungsprozess, dessen Ursachen noch nicht hinreichend geklärt sind – es kommt u.a. der Druck der darunter absinkenden afrikanischen Platte oder eine im Erdmantel aufsteigender Magmakammer in Frage. Eine solche Hebung führt zur Dehnung der Erdkruste bis zu ihrem Zerreißen. In der Folge bilden sich zwischen Risskanten Becken und Gräben, deren Absinken Beben bewirkt. Abb. 7 deutet derartige Dehnungstektonik für den südlichen Peloponnes (lakonischer und messenischer Graben, diese parallel in Nord-Süd-Ausrichtung, dazwischen der Horst des Taygetos-Gebirges) sowie für die quer verlaufenden Grabenbrüche des Golfs von Korinth und der Argolis mit roten Pfeilen an.

2. Kompression im Bereich der ionischen Inseln in West-Griechenland. Die Massierung von starken Beben im Westen Griechenlands fällt in Abb. 7 besonders auf. Die den Beben zugrundeliegende Kompression der Erdkruste in diesem Bereich geht vornehmlich auf starken Druck der westlich angrenzenden Adria-Platte zurück.

3. Horizontalverschiebungen. Die intensivste tektonische Aktivität im Ägäisraum geht von der Anatolischen Platte aus, deren Nordrand sich entlang der Linie Bosporus / Marmara-Meer / Dardanellen in die Ägäis schiebt, während der nordgriechische Teil der Europäischen Platte in Gegenrichtung nach Osten drückt. Hier zeigt sich eine sog. Blattverschiebung bzw. Transformstörung, die in Abb. 7 durch gegenläufige Pfeile oben rechts angedeutet wird. Zugehörige Erdbeben liegen aber nordöstlich außerhalb des Kartenzuschnitts. Eine ähnliche Situation aneinander entlangschrammender Plattenteile findet sich aber auch im Norden der ionischen Inseln, wo die Erbebenanalyse ebenfalls Beben vom Typ einer Horizontalverschiebung identifiziert hat.

 

Michael Siebert, August 2018

 

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