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Erinnerungsorte:

Die Särge von Tanagra

Übersicht



„Thiva“ nennt sich heute jene Kleinstadt im griechischen Böotien, die auf eine viertausendjährige Geschichte zurückblicken kann. Sie wurzelt in den großen Mythen der Bronzezeit. Auf diesem historisch-phantastischen Hintergrund ist uns dies Städtchen besser als „Theben“ bekannt, von Homer als das „siebentorige“ apostrophiert. Ein Stadtrundgang auf den heute durch vielfältige Zerstörung und Überbauung rar gewordenen Spuren dieser Historie führt jedenfalls zu einem Resultat: Das großartigste im modernen Thiva ist das Theben-Museum – eine Schatzkammer archäologischer Funde, soweit sie vor Zerstörung, Raubgräberei, moderner Landwirtschaft und rücksichtsloser Bebauung bewahrt werden konnten (vgl. Rundgang durch Thiva auf den Spuren des siebentorigen Theben PDF-Datei).

 

1. Highlights im Archäologischen Museum von Theben

Die Späte Bronzezeit (1675 bis 1050 v. Chr.), die man in Griechenland mit der mykenischen Periode parallelisiert, nimmt im Theben Museum den größten Raum ein. In dessen Mitte fällt sofort ein Arrangement von sechs tönernen, oben offenen Kästen auf, die jeweils auf vier kräftigen quadratischen Beinen stehen und reich bemalt sind. Fast alle besitzen noch einen Deckel – entweder einen flachen oder einen giebeldachförmigen (Abb. 1).

Einer dieser Behälter (Nr. 2 in Abb. 1) sticht durch grazile Objekte auf den vier Ecken seines flachen Deckels besonders hervor (Abb. 2): Hier sind brettchendünne Tonscheiben in der Form eines stilisierten Oktopus aufgerichtet, der seine Fangarme seitlich ausschwingen lässt. Auf jeder dieser Basen sitzt ein geflügeltes Wesen, das sich nur schwer einer Art zuordnen lässt. Die Beschriftung informiert in ihrer (neben der griechischen) englischen Variante: „At the corners of the flat lid are singular clay models of Mischwesen winged creatures”. Das „Mischwesen“ steht hier tatsächlich auf Deutsch.

Applikationen auf einem Tonsarg (Larnax) vom mykenischen Friedhof bei Tanagra: geflügelte Wesen auf Tonbrettchen

Abb. 2: Die Tonfiguren auf Larnax 2 in zwei frontalen Ansichten auf eine Breit- und eine Schmalseite sowie einer schrägen Ansicht (Bilder 17-12-28_3579, 3580 sowie Theben-Katalog S. 100).

 

Die Köpfe dieser Wesen sind eher solche von Insekten mit seitlichen hochstehenden großen Augen am kantigen Kopf wie bei einer Libelle, mangels Schnäbeln weniger die von Vögeln. Die lediglich zwei Flügel ließen jedoch nur Raum für die Zweiflügler-Ordnung der Mücken und Fliegen. Der lange ungegliederte Hinterleib spricht mit seiner Querstreifung wieder für eine Libelle, weniger jedoch für Vögel. Allerdings haben Libellen zwei Flügelpaare, während hier nur eins geformt ist. Doch das mag der Vereinfachung durch den nicht gerade begnadeten Erschaffer dieser Objekte geschuldet sein.

Diese außergewöhnlichen, ja beispiellosen, geheimnisvollen Applikationen ragen über einem Behälter auf, den die Archäologie als „Larnax“ bezeichnet. Eine Etymologie für diesen altgriechischen Begriff (λαρναξ, Plural λαρνακες/Larnakes) ist nicht verfügbar. Larnakes sind kleine Särge aus gebranntem Ton, deren Form sich vermutlich von einer früheren Konstruktion aus Holz ableitet. Wegen der Vergänglichkeit dieses Materials konnten von den frühen Objekten dieser Provenienz allenfalls Rückstände gefunden werden.

Wer mag bloß in diesen Tonsärgen begraben worden sein? Sie erscheinen für erwachsene Menschen viel zu klein. Zwar nennt weder das Theben-Museum noch der zugehörige Katalog irgendwelche Maße, zu einem besonders großen ähnlichen Fundstück aus Kreta werden aber diese (Außen-)Maße angeführt: H 75 cm | L 95 cm | B 40 cm (Kreta-Katalog S. 315). Die relativ kleinen Kästen wurden wohl nicht als Kindersärge verwendet. Entweder bargen sie Menschen in stark zusammengefalteter Haltung, die Knie hoch angezogen, oder aber sie wurden zur Umbettung von Gebeinen seit langem Verstorbener genutzt. Die Bestattung in solchen Tonsärgen entwickelte sich im ‚minoischen‘ Kreta. Das Archäologische Museum in der kretischen Hauptstadt Heraklion widmet den Larnakes einen ganzen Saal und zeigt neben dem Kastentyp auch eine wannenartige Variante.

Für Kontinentalgriechenland hingegen gelten die in Theben ausgestellten Exemplare als einmalig.

 

2. Woher stammen die ausgestellten Särge?

Vielleicht sind es nur Zufallsfunde, oder anders gesagt: vielleicht gelang es nur zufällig, diese Objekte im zentralen Museum Böotiens zu versammeln. Man hört noch von wenigen Exemplaren, die an anderen verstreuten Orten auf dieser Erde verwahrt würden. So soll zum Beispiel in den 1960-er Jahren in der „Staatlichen Kunstsammlung von Kassel“ ein solches Objekt ausgestellt worden sein (Larnax 1 in der Übersicht von Vermeule, S. 126, FN 5, Tafeln XXV f), das zu einer privaten Kunstsammlung gehöre. Womöglich befinden sich weitere Larnax-Objekte in privaten Sammlungen reicher Leute, die sich darüber in Stillschweigen hüllen. Denn ihr Fund ist in eklatanter Form mit archäologischer Raubgräberei verbunden. Ein Artikel, der sich an einer Übersicht versuchte, stellte traurig fest (Vermeule S. 125):

Es ist äußerst bedauerlich für das Studium der mykenischen Periode, dass keiner der Larnaken im Zuge ordentlicher Ausgrabungen entdeckt wurde. Da sie nachts, unter unwissenschaftlichen Bedingungen und von ungeschulten Leuten ausgegraben wurden, von denen die Anführer inzwischen gestorben oder verschwunden sind, gibt es praktisch keine Informationen über die Art der Gräber, in denen sie lagen, ob sie Deckel besaßen, über ihren Zustand und die Anzahl der Skelette in ihnen sowie über zu erwartende Beifunde wie Vasen, Waffen oder Perlen.

In der bürgerlichen Neuzeit hat sich ein internationaler Kunsthandel mit einer zahlungskräftigen Käuferszene entwickelt, denen nur die Objekte an sich begehrenswert sind. Aus welchem kulturgeschichtlichen Kontext sie stammen, was sie zusammen mit ihren Fundkontexten über die Gebräuche ihrer Zeit erzählen könnten und ob die Objekte zur kulturellen Erinnerung der Menschheit gehören, ist diesen Leuten ziemlich egal. Für sie zählt der private Besitz einer historischen Rarität.

Der von der Latsis-Stiftung für das Theben-Museum erarbeitete Katalog berichtet ergänzend, dass „die Plage illegaler Ausgräber“ ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch Böotien erreicht habe. Diese skrupellosen Einspeiser in den lukrativen Kunsthandel folgten einer in Westeuropa gewachsenen diffusen Bewunderung des antiken Griechenlands. Sie „konzentrierten ihre Aktivitäten auf die Suche nach den berühmten Tanagra-Figuren, die elegante Frauen in verschiedenen Momenten ihres täglichen Lebens darstellen“. (Theben-Katalog S. 17). Diese nach einem Fundort in Böotien benannten gebrannten Terrakotta-Objekte waren in der klassischen griechischen Antike sehr beliebt und wurden in zahlreichen Werkstätten – auch über Griechenland hinaus – hergestellt (Abb. 3).

Was damals zur gelebten Kultur gehörte, wurde im Zuge der Wiederentdeckung Griechenlands im 19. Jahrhundert zum Objekt der Begierde zahlungskräftiger Kunden, die die Raubgräberszene in Gang hielten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen auch die professionellen Archäologen in die Gänge und folgten den Raubgräbern, um zu retten, was noch zu retten war. So kamen wissenschaftliche Ausgrabungen in den meist schon durchwühlten antiken Gräbern der diversen Nekropolen um Theben zustande und führten zum Aufbau kleiner Sammlungen. Auch vereinzelte Objekte der Raubgrabungen gelangten in die staatlichen Sammlungen, wie insbesondere die Larnakes von Theben.

Die Kuratoren des Theben-Museums sind der Ansicht, ihre Larnakes zumindest grob auf Fundorte lokalisieren zu können. Die Särge-Sammlung von Theben wird just jenem Ort zugeordnet, nach dem bereits die berühmten Frauenfiguren benannt worden waren: Tanagra. Allerdings sollen die Särge nicht aus jener klassischen Antike stammen, in der ab dem 5. Jahrhundert die Frauenfiguren geformt worden waren, sondern aus einer ganz anderen Zeit, nämlich stolze neun Jahrhunderte früher. Die Beschilderung der Särge weist durchgängig aus:

From the Mycenaean cemetry of Tanagra, 13th cent. BC.

Wie die Kuratoren zu dieser Festlegung auf mykenische Kultur und ausgehende Späte Bronzezeit gelangt sind, lassen die Erläuterungen im Museum und in der einschlägigen Literatur leider offen. Immerhin war ja oben festgestellt worden, das „keiner der Larnaken im Zuge ordentlicher Ausgrabungen entdeckt“ worden sei, sie waren sozusagen Beifang auf den Fischzügen nach „Tanagra-Figuren“.

Nicht einmal die Lage des besagten „mykenischen Friedhofes von Tanagra“, geschweige denn der Fundgräber wird im Museum ausgewiesen. Eine im Museum aufgehängte Karte „Sites and Monuments of Boeotia“ zeigt zwar den modernen Ort Tanagra ca. 24 Straßenkilometer östlich von Thiva, der aber nicht mit dem antiken Tanagra identisch ist. Das ergab sich aus mühsamer Suche, bei der auch die einschlägige griechische Anavasi-Karte Böotiens in die Irre leitete. Denn die dort eingetragenen Ruinen westlich des modernen Tanagra verweisen trotz Beschriftung als antike Stätte ΤΑΝΑΓΡΑ durchaus nicht auf eben diese, sondern auf eine Industriewüste. Erst eine leider nicht mehr weiterentwickelte Website der Uni München, deren Fachbereich Geschichte im Jahre 2001 eine ambitionierte Exkursion nach Böotien unternommen hatte, verfolgt die richtige Spur zur antiken Stadt (antikesboiotien.uni-muenchen.de): Sie lag am östlichen Ausläufer des Bergzuges, der sich von Thiva nach Osten am heutigen Tanagra vorbei bis zum Asopos-Fluss erstreckt, ca. 5 km östlich des modernen Tanagra (Lokalisierung auf GoogleMaps; Plan in Abb. 4).

Lokalisierung des historischen Tanagra auf OpenStreetMap-Karte

Abb. 4: Die Gegend um Tana­gra modern (links oben) und Tanagra historisch: rote Strukturen am östlichen Fuß des Bergzuges, der die thebanische Ebene nach Süden begrenzt (Kartengrundlage Open­StreetMap).

 

Die Zufahrtsstraße folgt einem modernen Bewässerungskanal der industrialisierten Landwirtschaft, in dem nun die Wasser der ausgetrockneten Flüsse Böotiens strömen. Das Pumpwerk zu diesem Kanal hat man (ingenieurtechnisch nachvollziehbar, aber denkmalpflegerisch ein Graus) auf einen Hochpunkt gebaut – das war dann leider genau auf die Stelle, an der vermutlich schon die Akropolis des antiken Tanagra gestanden hatte. Immerhin scheint das weitere Gelände der antiken Stadt, das sich von hier nach Nordosten den Hang hinab erstreckt, (nach Google Earth-Eindruck – ich habe es bislang noch nicht besichtigen können) von landwirtschaftlichen Nutzungen und damit den Zerstörungen des Pfluges freigehalten zu sein. Jedenfalls entspricht diese Ruderalfläche in ihren Konturen genau jenen Stadtkonturen, die in einem Oberflächen-Survey 1985 kartiert wurden. Deren Skizze stellt aber den Verlauf der drei Kilometer langen Befestigungsanlagen der antiken Stadt aus dem frühen vierten Jahrhundert v. Chr. dar (Roller S. 5) – also nicht die mykenische Stadt, der die Sarg-Funde zugeordnet wurden. Die Skizze aus dem Survey enthält auch keinerlei Verweise auf die antiken Nekropolen in ihrem Umfeld.

 

3. Blicke in die Motive der Sargbemalung

Die kretischen Larnax-Vorbilder waren eher heiter dekoriert und mit ornamentalen Figuren von Pflanzen und Vögeln oder mit den beliebten Oktopus-Motiven bemalt. Der Oktopus scheint sich in den Tanagra-Särgen nur noch in den bereits geschilderten Applikationen auf dem Deckel von Sarg 2 sehr stilisiert wiederzufinden. Auch die ornamentale Bemalung ist strenger geworden und präsentiert sich etwa als regelmäßiges Spiral- oder Wellenmuster (vgl. in Abb. 2 den Sargkorpus im Anschnitt).

Dominant sind bei den Tanagra-Särgen hingegen Szenen, die mit dem Leben des Verstorbenen und den Ritualen seiner Beerdigung zu tun haben. Wir sehen immer wieder Frauen (female lamentors), die den Toten mit erhobenen Armen bejammern. Bei Sarg 1 (Abb. 5) füllen sie alle vier Seiten zwischen strengen Karomustern – je fünf Frauen auf den beiden breiten und je eine auf den beiden schmalen Seiten. Die Darstellung der Gesichtsprofile steht für den wenig künstlerischen, reduzierten spätmykenischen Stil, die langen Röcke erinnern nur noch entfernt an die minoischen Volantröcke, die einige Jahrhunderte früher Ausgangspunkt der Frauendarstellung auf dem mykenischen Festland wurden (vgl.Mykenische Kunst“ auf homersheimat.de). Als Besonderheit fallen die flachen wulstigen Hüte auf, aus denen – wie in minoischen Darstellungen – eine Haarlocke heraushängt. Zu gerne wüsste man, was es damit auf sich hat und was uns die Karomuster sagen wollen.

Sarg 3 (gem. Nummerierung in Abb. 1) zeigt einen ganz anderen Stil, so dass sich fragen lässt, ob er tatsächlich in den gleichen Kontext wie Sarg 1 gehört (Abb. 6):

Jegliche Detaillierung in der Bekleidung der lamentierenden Frauen tritt gegenüber einer flächigen Ausmalung zurück, so dass sich lediglich schwarze und rote Kleider abwechseln. Die erhobenen Arme sind zu einem brezelförmigen Ornament verkümmert, die Gesichter fast gar nicht mehr gezeichnet. Eine komplette Breitseite des Sarges, die untere Hälfte der anderen Breitseite sowie die beiden Schmalseiten sind mit Szenen bemalt:

Sarg 4 (gem. Nummerierung in Abb. 1, dort aber zwischen den Stellwänden kaum zu sehen) offenbart erneut einen anderen Stil. Zum einen besteht der Larnax aus weiß gebranntem Ton, auf dem lediglich mit schwarzer Farbe gezeichnet wurde (Abb. 7).

Die Schach­brettmuster auf den Ecken sind hier auf hastig hingeworfene leere Raster reduziert. Auf der sichtbaren Breitseite treten sich zwei Figuren gegenüber, die der Katalog so beschreibt (S. 121):

A human figure and a sphinx of hybrid elements (horse and bird) are standing on each side of a sacred column.

Beim Pferdemischwesen würde man eher an einen Zentauren denken – die Kombination von Pferd und Männeroberkörper –, wenn nicht der Kopf mit dem bereits zu Sarg 1 erwähnten flachen wulstigen Hut, aus dem eine Haarsträhne hängt, für eine Frau spricht. Der vom Katalog gesehene Vogelkopf ist hier jedenfalls nicht dargestellt. Könnte das Wesen also eine Sphinx sein? Die hat üblicherweise einen Frauenoberkörper, kräftige Flügel und einen Löwenunterleib. Das Sarg-Wesen besitzt jedoch weder Flügel noch einen Löwenkörper.

Ziehen wir zu diesem Motiv noch einen anderen Sarkophag hinzu (meine Nummer 7; Abb. 8), der nicht zur Ausstellungsgruppe inmitten der mykenischen Abteilung des Theben-Museums gestellt wurde. Man hat ihn vielmehr in die thematisch ausgerichtete Sektion 2 des Museums eingeordnet: „Landschaften und Mythen von Böotien“. Dort wird u.a. die Geschichte erzählt, wie Ödipus das Rätsel der Sphinx löste. Die hatte bislang jeden Passanten verspeist, der an diesem Rätsel gescheitert war: „Welches Wesen geht auf vier Beinen am Morgen, auf zweien am Tag und auf dreien am Abend?“. Ödipus fiel die Lösung nicht schwer, die Sphinx stürzte sich aus Wut vom Felsen, Ödipus wurde König des von der Plage der Sphinx befreiten nahen Theben und bekam die verwitwete Iokaste zur Frau – noch in Unkenntnis dessen, dass er deren Mann und seinen Vater, König Laios, auf dem Weg nach Böotien getötet hatte und nun seine Mutter heiratete.

Diese Sphinx soll übrigens ganz in der Nähe gehaust haben: an einem steilen Berg, der den Westrand der thebanischen Ebene markiert. Dahinter erstreckte sich in der weiten Kopais-Ebene zu mykenischer Zeit das (mit Theben verfeindete) kleine Reich der Minyer mit ihrem Herrschaftssitz in Orchomenos. Die Sphinx saß also an der Grenze zu Feinden. Der Berg am Grenzsattel zwischen den beiden Ebenen und Kleinkönigtümern heißt noch heute Mt Sfigion (Σφιγγιον). Tanagra hingegen markiert zwar den Ostrand der thebanischen Ebene, lag aber noch genügend nah, um den Ödipus-Mythos in seine eigene Mythologie und Sepulkralkultur einzubeziehen.

Die Frontzeichnung auf dem (übrigens ebenfalls weißen, hier aber rot bemalten) Larnax 7 in der Mythologie-Abteilung des Museums (Abb. 8) ähnelt schon eher einer Sphinx. Der Oberkörper ist ohne Zweifel weiblich, herabkräuselnde Haarsträhnen gehen in die Konturierung einer weiblichen Brust über. Aus dem Rücken erheben sich Flügel; nur mit dem Löwenköper hapert es arg. Der Leib ähnelt auch hier (wie schon bei Sarg 4) eher einem Pferd. Und das Umfeld ist alles andere als gruselig: diese Sphinx-Variation schreitet durch eine opulente Botanik mit großen Blüten und anderen rätselhaften Figuren.

An dieser Stelle muss natürlich gefragt werden, wie sich das Sphinx-Motiv überhaupt im kontinentalgriechischen Böotien festsetzen konnte. Denn ursprünglich ist die Sphinx ein Motiv der altägyptischen Geschichte, in der sie bereits ab der 4. Dynastie (2570 bis 2450) plastisch dargestellt wird. Die berühmte große Sphinx von Gizeh stellt Pharao Chefren dar, also einen männlichen König. Später, im Mittleren Reich, werden auch Königinnen als Sphinxen dargestellt – die Figur wandelte sich damit ins weibliche (vgl. DNP Bd. 11 Sp. 816 ff).

Ein Transfer dieser Figur nach Griechenland könnte mit dem Gründungsmythos von Theben verbunden werden. Denn der mythische Theben-Gründer Kadmos war ein Sohn des Königs Agenor aus dem phönizischen Sidon (im heutigen Libanon). Von dort könnte er die Sphinx-Geschichte des nahen Ägypten mitgebracht haben.

Einen triftigeren Hintergrund liefert allerdings die gut belegte Seefahrt bronzezeitlicher Griechen. Sie befuhren handelnd, vor allem aber kriegerisch das östliche Mittelmeer und gelangten immer wieder auch nach Ägypten, in das sie hin und wieder friedlich, häufiger jedoch plündernd und mordend einfielen. Davon berichten die Seevölkergeschichten auf ägyptischen Tempelreliefs, die sich gut auf die bronzezeitliche Seefahrt ‚mykenischer‘ Flotten projizieren lassen (zu diesem Ergebnis kamen meine Seevölkeruntersuchungen – vgl. insbesondere den Essay „Seevölkerodyssee“ auf homersheimat.de / PDF-Datei).

Der vorderasiatische Beute- und Handelsertrag mykenischer Seefahrt drückt sich in vielerlei Objekten aus. Gut belegt ist dies etwa durch die orientalischen Rollsiegel, die in ‚mykenischen‘ Bauten von Theben gefunden wurden. Aber auch die eingangs erörterten geheimnisvollen Flugmischwesen auf Sarg 2 finden ihre Vorbilder im ostmediterranen Raum. Dies Motiv entstand in der frühen Bronzezeit – und somit zeitlich parallel zur Sphinx in Ägypten – auf Zypern (Abb. 9). Auch der brettchenartige Unterbau der Sarg-Applikationen hat ein Vorbild in Zypern, wo solche flachen Tonobjekte als „Brettidole“ zu Beginn des 2. Jahrtausends aufkamen. Oft waren sie mit einem Vogelkopf-artigen Aufsatz gekrönt und spielten – ebenso wie die Vogelwesen auf den Stegen über den Gefäßen – ihre Rolle in Begräbniskontexten. Das Kykladenmuseum in Athen führt dazu aus:

Die Natur religiöser Praktiken der frühen Bronzezeit Zyperns bleibt schwer fassbar, aber es scheint, dass Friedhöfe außerhalb der Mauern als Orte zeremonieller Aktivitäten dienten.

Zu den Grabbeigaben gehörten Keramiken, brettförmige Figuren, die mit einer allmächtigen Fruchtbarkeitsgöttin verbunden sind, und eine bestimmte Kategorie von Tonmodellen… Offensichtlich nicht funktionsbezogene große Gefäße mit doppelten Hälsen, die mit Tierplastiken verbunden sind, dürften eine besondere Rolle bei Bestattungsritualen gespielt haben.

Die Applikationen auf Sarg 2 mögen sich an diese frühen Vorbilder anlehnen, modifizieren sie aber deutlich: die fliegenden Wesen sind hybrider geworden, der Brettchenunterbau bezieht nun auch das seinerzeit beliebte Oktopus-Motiv ein. Derart deutliche Modifikationen hat auch das Sphinx-Motiv erfahren: es vermischt sich mit Vorstellungen eines anderen Mensch-Tier-Wesens, des Zentauren. Und es hat sich von der Bedeutung der Sphinx als bedrohlichem Ungeheuer gelöst, zeigt sich als weibliches Mischwesen in blühenden Landschaften, das – wie die Flugwesen – den Toten ins Jenseits begleitet.

Auch die gewichtigen minoischen Einflüsse, die sich in den Volantröcken und Haartrachten der wehklagenden Frauen, den Stierspringerbildern aus dem Leben des Gestorbenen sowie in den Formen der kleinen Särge selbst niederschlugen, liegen schon länger zurück. Die Sargform des Larnax bildete sich auf Kreta bereits in der bis 1900 v. Chr. reichenden Vorpalastzeit heraus (Kreta-Katalog S. 18, 191). Kretische Kultur wurde in Kontinentalgriechenland zunächst durch handelsbasierte Dominanz der Kreter verbreitet, bis die mykenischen Griechen ab ca. 1450 zur Eroberung Kretas antraten. Danach lebte die kretisch-‚minoische‘ Kultur nur noch in ihrer Adaption durch die ‚mykenischen‘ Griechen fort, wo sie sich immer mehr trivialisierte (vgl. „Mykenische Kunst“ auf homersheimat.de).

In den Tanagra-Särgen fließen all diese Einflüsse aus der langen bronzezeitlichen Geschichte des östlichen Mittelmeeres zusammen, zeigen sich aber zugleich auf einem stark abgesunkenen künstlerischen Niveau. Die Särge stehen damit für die Endphase der mykenischen Epoche. Insofern könnte die Datierung auf das 13. Jahrhundert v. Chr., die die Aussteller in Theben trotz fehlender archäologischer Kontexte vorgenommen haben, tatsächlich korrekt sein.

Die bemalten Tanagra-Särge sind ein kleines Ensemble unter den ganz wenigen überlieferten künstlerisch gestalteten Objekten aus spätmykenischer Zeit, bevor die mykenische Kultur in den noch immer rätselhaften Erdbeben-, Brand- und Zerstörungskatastrophen zum Ende des 13. Jahrhunderts unterging. Vielleicht bejammern ja die zahlreichen Frauen auf den Särgen nicht nur den individuellen Toten, sondern auch diesen sich abzeichnenden Untergang. Auf der spätmykenischen Kriegervase aus dem Palast von Mykene winkt eine Frau den davonziehenden Kriegern hinterher. Auf den Tanagra-Särgen sind es nur noch Frauen, die die Toten beklagen. Die Männer haben sich auf ihren Kriegszügen nach Troia, Kleinasien und Ägypten verloren, die wenigen Rückkehrer trafen auf Usurpatoren ihrer Paläste und brachten sich gegenseitig um (Orestie). Es blieben die Frauen, die das beklagen konnten.

Die griechische Kulturgeschichte tauchte nun in die sogenannten „Dunklen Jahrhunderte“ ein. In dieser Zeit löste sich die innigliche Verflochtenheit der Menschen mit ihren Göttern und Mythen auf. Wo sich zuvor die Götter unter den Menschen bewegten, wie diese intrigierten, stritten, tranken und hurten, wo Mischwesen wie Zentauren, Sphinxen, Könige mit Schlangenkörpern oder Schlangen mit vielen Köpfen zur Vorstellungswelt der Menschen gehörten, zogen sich nun die Götter in die neu erfundenen Tempelbauten zurück, in denen sie lediglich durch Statuen repräsentiert waren. Die zuvor phantasiereich in mündlicher Überlieferung kolportierten großen Geschichten der Mythologie wurden mit Wiederentdeckung der Schriftkunde literarisch aufgearbeitet, von allzu abenteuerlichen Phantasien bereinigt und glanzvoll ausgestaltet. Dem folgte auch die bildende Kunst, die in Vasenmalerei wie Plastik die nun schon viele Jahrhunderte zurückliegenden mythologischen Erinnerungen neu in Szene setzte.

Man vergleiche – diesen Blick in die Motive der Sargbemalung abschließend – nur die Sphinx der Naxier im Apollon-Heiligtum von Delphi (Abb. 10), die sich in allem von den ‚naiven‘ Sphinxen auf den Tanagra-Särgen 4 und 7 unterscheidet. Dabei ist Delphi als Ort des Orakels, Nabel der Welt (Omphalos) und Tempelhaus-Standort des Gottes Apollon eng mit Böotien und seiner Mythologie verknüpft. Es liegt nur 90 km westlich von Theben. Theben selbst war ein wichtiger Wegepunkt, als der junge Gott Apollon „aus dem Olymp kommend zum ersten Mal die Erde betrat um einen Wahrsageort für die Menschen auszusuchen“ (Apollonhymnos V. 213 ff).

Schon dieser kurze Auszug aus einem Text, der zu Homers Zeit im 7. Jahrhundert v Chr. entstanden sein könnte (Visser S. 249), drückt deutlich das inzwischen veränderte Verhältnis der Menschen zu den Göttern aus, die sich auf den Olymp zurückgezogen haben. Der Gott Apollon betritt die Erde zum ersten Mal erst mit Erreichen jugendlicher Reife und sucht einen repräsentativen Ort, an dem er sich (nur noch indirekt) über ein Medium den Menschen mitteilen kann. Als Gegenleistung für die empfangenen Orakelsprüche brachten die Menschen wertvolle Geschenke, die sie in Schatzhäusern auf dem Tempelareal aufbewahrten oder in dessen Gelände aufstellten.

Die Bewohner der Insel Naxos haben um 560 v. Chr. aus ihrem berühmten Marmor die Kolossalstatue einer Sphinx geformt und als Weihgeschenk nach Delphi gebracht. Diese Statue entspricht in allem dem uralten ägyptischen Vorbild: Oberkörper einer Frau, geflügelter Körper eines Löwen (Abb. 10). Die 2.32 m hohe Figur saß auf einer 12,10 m langen Säule (Delphi-Katalog S. 82) und schaute auf die vorbeidefilierenden Menschen herab wie ihr mythologisches Vorbild am Westrand der nicht fernen thebanischen Ebene. Diese Sphinx hatte aber nichts mehr mit der düsteren Gewaltfigur in der Mythologie und ebensowenig mit der liebevoll unkonventionellen Stilmixtur jenes Wesens auf den Särgen von Tanagra zu tun, dessen Gestalt sich im Zuge mündlicher Überlieferung alter mythologischer Geschichten stetig modifiziert und vor dem Untergang der mykenischen Kultur noch einmal in einer naiven Sargmalerei manifestiert hatte. Entrückt wie die Götter war nun auch die Sphinx ihres Ungeheuerkontextes enthoben und zur Inkarnation perfekter Bildhauerei geworden, die zur menschlichen Lebenswirklichkeit Distanz hält.

 

4. Erinnerungsort Tanagra

Das historische Tanagra ist heute nur in jenen Konturen vor Ort rudimentär erlebbar, die von der Stadt des 4. Jahrhunderts v. Chr. an ihrem böotischen Ort zurückgeblieben sind. Es wurde nie archäologisch ausgegraben. Eine Oberflächenkartierung (survey) aus dem Jahre 1985 beschränkte sich auf das in klassisch-antiker Zeit ummauerte Stadtgebiet. Die weit ins Umfeld verstreuten Nekropolen aus vielen Epochen wurden nie systematisch erfasst und dokumentiert. Die Wühlarbeit von Raubgräbern des 19. und 20. Jahrhunderts in diesen Nekropolen ist inzwischen wieder weitgehend verschüttet. Das (hypothetische) Fundgebiet der so bedeutenden Tanagra-Särge ist also heute ein unauffälliges Terrain in der böotischen Landschaft, wäre da nicht ein Pumpwerk auf dem Standort der klassischen Akropolis, das die Monokulturen in der thebanischen Ebene bewässert.

Der inzwischen emeritierte Altphilologe Duane W. Roller (Ohio State University) hatte bereits Anfang der 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts an Tanagra-Surveys teilgenommen, darüber 1972 eine Dissertation verfasst (An Historical and Topographical Survey of Tanagra in Boiotia) und sodann – sozusagen als Vorstudie zu weiteren Tanagra-Forschungen, zu denen es dann allerdings nicht mehr gekommen ist – alle historischen literarischen Quellen auf Tanagra-Hinweise durchkämmt (Roller 1989). Die zusammengestellten Literaturbelege sind ungleich reichhaltiger als die sichtbaren Reste vor Ort. Roller wertete insgesamt 57 Werke aus, die sich (auch) mit Tanagra befassen. Die Literaturpalette reicht vom ersten griechischen Historiker Herodot (5. Jh. v Chr.) bis Stephanos von Byzanz (10. Jh. n. Chr.). Während man von letzterem Autor kaum noch erwarten darf, dass er einigermaßen verlässliche authentische historische Quellen aufzubieten hat, ist dies beim griechischen Historiker Thukydides ganz anders. Der hatte als Zeitzeuge akribisch den mit beispielloser Brutalität geführten Peloponnesischen Krieg zwischen 457 und 404 v. Chr. beschrieben, der mit der totalen Niederlage Athens endete.

Eine erste schwere Niederlage erlitt Athen 424 v. Chr. in der Schlacht beim böotischen Delion (vgl. dessen Lage am Golf von Euböa in Abb. 11) durch die mit Sparta verbündete vereinigte böotische Armee unter der Führung von Theben (Thukydides VI.93 ff = S. 350 ff).

Karte von Böotien und Attika zur Zeit der Schlacht bei Delion (424 v. Chr.)

Abb. 11: Attika und Böotien zur Zeit der Schlacht bei Delion (424 v. Chr.; Quelle: Wikimedia, französische Beschriftung). Das an der Küste gelegene Delion ist rot markiert, Tanagra liegt nur ca. 8 km landeinwärts.

 

Tanagra bildete für diese Schlacht die Operations- und Rückzugsbasis (vgl. Rz. 93 / S. 353). Böotien habe nach Thukydides 7.000 Schwerbewaffnete, über 10.000 Leichtbewaffnete, 1.000 Reiter und 500 Peltasten aufbieten können (Peltasten waren mobile, mit zahlreichen leichten Wurfspeeren ausgerüstete Kampfeinheiten, die die schwer bewaffneten, aber unbeweglicheren Athener Hopliden wirksam anzugreifen wussten). Stellt man sich vor, dass das heutige böotische Thiva/Theben bei Aufbietung aller wehrfähigen Männer im Alter von sagen wir 20 bis 30 Jahren kaum 1000 Mann zusammenbringen dürfte, so wird die schier unglaubliche militärische Mobilisierung in der minderbevölkerten klassischen Antike noch deutlicher.

Die Kriege dauerten in wechselnden Konstellationen und Fronten in Böotien auch nach der endgültigen Niederlage Athens an. Eine gewisse Beruhigung setzte erst ein, nachdem Theben durch Alexander den Großen 335 v.Chr. gründlich zerstört worden war und Tanagra zu einer der wichtigsten Städte Böotiens aufstieg. Die Region stand sodann unter makedonischer Herrschaft (was die heutigen Griechen ungern zur Kenntnis nehmen, die dem heutigen Mazedonien – Teil des ehemaligen Kernlandes von Alexander dem Großen – seinen Namen streitig machen).

In diese Zeit fällt ein Bericht des griechischen Reiseschriftstellers Herakleides, der von zahlreichen Namensvettern durch den Zusatz „Kritikos“ (der Schriftsteller) oder auch „Kretikos“ (der Kreter) unterschieden wird. Dieser Herakleides wanderte irgendwann nach 280 v. Chr. von Oropos (vgl. dessen Lage in Abb. 11 wenig östlich von Delion an der Küste) nach Tanagra. Er fasste seine Eindrücke so zusammen (zitiert und übersetzt nach Roller S. 19 f):

Die Route verläuft durch Olivenhaine und dicht bewaldetes Land, völlig frei von Angst vor Dieben. Die Stadt liegt in einer rauen und hohen Gegend, erscheint weiß und tonig, besonders schön mit Veranden und Votivbildern geschmückt. Es gibt nicht viel Getreide im Land, aber der produzierte Wein hat in Boiotia den ersten Platz.

Die Bewohner haben einen bemerkenswerten Besitz, sind aber sparsam in ihrer Lebensweise. Alle sind Bauern, keine Handwerker. Sie beachten Gerechtigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Gastfreundschaft. Für die Bedürftigen unter ihren eigenen Bürgern und Wanderern von anderswo bieten sie an, was sie haben und teilen es frei. Ungerechtigkeit und Gier sind ihnen völlig fremd. Es ist die sicherste Stadt in Boiotien, in der sich Ausländer aufhalten können. Aufgrund der Unabhängigkeit und des Fleißes der Einwohner gibt es eine unverblümte oder gar strenge Abneigung gegen Lasterhaftigkeit.

Ich habe in dieser Stadt den geringsten Hang zu jener Zügellosigkeit bemerkt, die größte Ungerechtigkeit unter den Menschen verursacht. Denn wo alles zum Leben ausreicht, gibt es kein Verlangen nach Gewinn, und es ist schwierig, unter solchen Menschen schlecht zu sein.

Dies Bild erscheint nicht ganz stimmig: Beschreibt es doch jene Zeit, in der die berühmten, eingangs erörterten Tanagra-Figuren produziert wurden. Das war nicht ohne Handwerksbetriebe möglich, deren Fehlen Hera­kleides aber konstatiert hatte. Andererseits dürften es vor allem auch diese weit in die damalige mediterrane Welt exportierten Terrakotta-Produkte gewesen sein, die den von Herakleides bemerkten Wohlstand von Tanagra erklären.

Kommen wir zurück auf Rollers Sammlung literarischer Tanagra-Belege. Sie offenbart eine wesentliche Schwachstelle in diesen Quellen, die keine Auskunft über die frühe Geschichte Tanagras in mykenischer Zeit (Späte Bronzezeit) geben. Dies liegt auch daran, dass man dort (mangels Grabungen) keine Schriftzeugnisse gefunden hat, wie sie aus anderen Zentren der mykenischen Kultur auf Linear B-Tontafeln überliefert sind. Selbst wenn dies so wäre: die bislang bekannt gewordenen Notizen auf jenen Tontafeln befassten sich in aller Regel mit alltäglichen Verwaltungsvorgängen und liefern kaum Hinweise auf Mythologie und Organisation der damaligen Staaten.

Das völlige Fehlen literarischer Informationen über Tanagra in mykenischer Zeit liegt aber vor allem daran, dass die wesentlichste und älteste Schriftquelle ausfällt, die ansonsten über jene Zeit berichtet: Homer. Er markiert den absoluten Anfang literarischer Dokumentation von Vorgängen, die zwischen Mythologie und Realität mediterraner Frühgeschichte changieren. Es ist zweifelhaft, ob überhaupt eine konkrete Person für dies Werk steht und wann es entstanden ist. Man taxiert die Entstehung von Ilias und Odyssee heute auf die Zeit Ende des 8. /Anfang des 7. Jh. v. Chr. Zudem ist bei Homers Lektüre immer zu beachten, dass sich in seinen Texten mündliche Überlieferungen aus der vier Jahrhunderte zuvor beendeten mykenischen Epoche und ihrem Troianischen Krieg mit Eindrücken und Fakten mischen, die aus Homers Zeit selbst stammen.

Wesentliche Information über die Geografie des mykenischen Griechenlands besitzen wir aus dem „Schiffskatalog“ im zweiten Buches der Ilias, in dem Homer akribisch darlegt, welche Kontingente mit wieviel Schiffen aus welchen Orten in den Regionen Griechenlands unter welchen Anführern zur große Kriegsflotte gegen Troia zusammengefunden hätten. An erster Stelle beschreibt Homer das Kontingent Böotiens und nennt die Namen zahlreicher böotischer Orte, die ihre Kriegereinheiten beigesteuert hätten. Es fehlt eigentlich nur ein wichtiger Name in dieser Liste: Tanagra.

Über dies auffällige Defizit haben viele Leute intensiv nachgedacht. Eine Lösung könnte sich an jenem Historiker festmachen, der historisch als nächster mit Berichten über historische Zeiten zur Verfügung steht: Herodot (5. Jh. v. Chr.). Der hatte sich in seinen „Historien“ mit dem Volksstamm der Gephyraier beschäftigt. Im Zuge seiner „Nachfragen“ sei herausgekommen, dass dieser Stamm aus Phönizien stammte und mit dem Theben-Gründer Kadmos nach Böotien gelangt sei. Während Kadmos Theben gründete, seien die Gephyraier in Tanagra angesiedelt worden.

Herodot berichtet darüber hinaus einen fundamentalen kulturellen Transfer, der mit dieser Migration verbunden war (Historien V.58):

Jene mit Kadmos in Hellas eingewanderten Phoiniker, unter denen auch die Gephyraier waren, haben durch ihre Ansiedlung in Boiotien viele Wissenschaften und Künste nach Hellas gebracht, so z.B. die Schriftzeichen, die die Hellenen, wie ich glaube, bis dahin nicht gekannt hatten… Buchstaben aus der Zeit des Kadmos habe ich selber gesehen, im Heiligtum des Apollon Ismenios im Boiotischen Theben. Sie sind in Dreifüße eingeritzt…

Sodann zitiert Herodot drei Inschriften in jener dem Phönizischen entlehnten neuen Schrift der Griechen, angebracht auf Dreifüßen, die im thebanischen Apollon-Tempel aufbewahrt worden seien. Er schreibt diese Inschriften der Zeit des Laios (Vater von Ödipus und Urenkel von Kadmos), der Zeit von Ödipus selbst sowie der Zeit des letzten Königs von Theben aus dem Kadmos Geschlecht, Laodamos (Sohn des Eteokles und damit Enkel von Ödipus) zu (vgl. zum Apollon-Tempel in Theben dessen Erörterung in meiner Stadtbesichtigung „Rundgang durch Thiva auf den Spuren des ‚siebentorigen Theben‘“, Abschnitt 5).

Dass die phönizische Schrift wesentliche Grundlage für die Ausbildung der griechischen war, ist weitgehend Forschungskonsens. Auf welchem Wege sie nach Griechenland gelangte, bleibt jedoch unklar. Herodot bot immerhin einen möglichen Weg an, der sich mit dem phönizisch verwurzelten Gründungsmythos Thebens verbindet und einen Teil der Migranten im Gefolge von Kadmos auf den durchaus bedeutenden Siedlungsort Tanagra bindet. Tanagra war danach in der Bronzezeit der Siedlungsort der Gephyraier aus Phönizien.

Von deren Stammesnamen her ist es nicht weit zu einem böotischen Ortsnamen, den Homer in seinem Schiffskatalog nennt, der aber mit keinem realen historischen Ort identifiziert werden konnte: Graia. Die Hypothese lautet also, dass das Homerische Graia der Siedlungsort der Gephyraier, war – mithin Tanagra.

Der große Forscher am Homerischen Schiffskatalog, Edzard Visser, hatte bei Abfassung seines Werks im Wesentlichen nur einen Einwand gegen die Zuordnung von Tanagra zu Graia (FN 37 zu S. 258):

Nachrichten über die Frühgeschichte Tanagras fehlen sowohl in historischen wie in archäologischen Quellen weitgehend.

Es hängt nun also wieder an den Tanagra-Särgen: Wenn deren Zuschreibung zu einer mykenischen Nekropole des 13. Jahrhunderts bei Tanagra korrekt sein sollte, besäßen wir einen gewichtigen archäologischen Beleg für eine bedeutende mykenische Siedlung in Tanagra. Letzte Gewissheit ist uns allerdings verbaut, weil Raubgräber den Kontext der Sargfunde unwiederbringlich zerstört haben. Der Erinnerungsort Tanagra bewahrt sein Geheimnis.

 

Michael Siebert, Februar 2018

 

5. Zitierte Literatur

Apollonhymnos Homerische Hymnen, Darmstadt 2017 (WBG). Darin unter III. die mit 546 Versen besonders ausführliche Hymne „An Apollon“.
Delphi-Katalog Photios M. Petsas (ehemaliger Direkter der Altertümer von Delphi): Delphi – Denkmäler und Museum, Athen 2013
DNP Der Neue Pauli –Enzyklopädie der Antike, 19 Bände.
Herodot Herodot, Historien – Deutsche Gesamtausgabe, Stuttgart 1971 (Alfred Kröner Verlag)
Kreta-Katalog Im Labyrinth des Minos. Kreta – die erste europäische Hochkultur. Katalog zur Ausstellung in Badischen Landesmuseum Karlsruhe 2001
Roller Duane W. Roller, Tanagran Studies I: Sources and Documents on Tanagra in Boiotia. Amsterdam 1989
Theben-Katalog Vassilios Aravantinos, Τhe Archaeological Museum of Thebes. Herausgegeben von der John S. Latsis Public Benefit Foundation and EFG Eurobank Ergasias S.A, 2010. Online lesbar (aber nicht herunterzuladen) unter: http://www.latsis-foundation.org/eng/electronic-library/the-museum-cycle/the-archaeological-museum-of-thebes.
Thukydides Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, zitiert nach der Reclam-Ausgabe Stuttgart 2000
Vermeule E.D.T. Vermeule, Painted Mycenaean Larnakes, in: The Journal of Hellenic Studies, Vol. 85 (1965), S. 123-148. Als online-Ressource bei JSTOR: http://www.jstor.org/stable/628814.
Visser Edzard Visser, Homers Katalog der Schiffe. B. G. Teubner 1997

 

Headergrafik

Tönerne Frauenfiguren des Φ- und des Ψ-Typs als Grabbeigaben auf den Friedhöfen von Tanagra aus dem 14. bis 13. Jahrhundert v. Chr. (Theben-Museum, Mykenische Sektion). Die erhobenen Arme dieser Frauenfiguren scheinen den gleichen Ritus zu verkörpern, den die beweinenden Frauen auf den Larnakes praktizieren.

 

Diesen Essay gibt es auch in einer druckfähigen PDF-Version: Die Särge von Tanagra.
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