Rekonstruktionen der Antike

Welche Bilder braucht der Mensch?

Der sogenannte Nestor-Palast an der Ostküste des Peloponnes in der griechischen Landschaft Messenien ist wieder für Besucher geöffnet. Das neue Schutzdach ist fertiggestellt, die über der Ruine schwebenden Besucherstege sind mit neuen Informationstafeln bestückt.
Auf diesen Tafeln fallen immer wieder prachtvolle Bilder auf. Die sollen veranschaulichen, wie dieser Palast einmal ausgesehen habe.
Einen Rest von Skepsis sollte der Betrachter bewahren, sie sollte ihn mahnen: Zu prachtvoll sind diese Bilder! Sah der Palast vor 3.200 Jahren tatsächlich so aus? Woher kennen die Maler der Infotafeln die damaligen Zustände in dieser Detailfülle? Und wer sind überhaupt diese Maler, die uns so anschaulich in eine ferne Zeit führen wollen?

 


Übersicht:


 

1. Prachtvolle Bilder füllen historische Lücken

Irgendeine große Faszination müssen die alten Paläste von Knossos auf Kreta oder Mykene in Griechenland auf die modernen Menschen ausüben. Sonst würden sie nicht dorthin reisen und sich in Massen hindurchschieben lassen. Worin liegt der Reiz dieser Altertümer? Mykenes „Zyklopenmauern“ sind zweifellos beeindruckend, die verwirrend verschachtelten achthundert Räume von Knossos nicht minder. Doch überall sehen wir nur Ruinen – blanke Mauerreste, die von all der Pracht entkleidet sind, die hier einmal geherrscht haben soll. Goldfunde verschwanden bestenfalls in Museen, wenn sie nicht über den weltweiten Antikenhandel in privaten Sammlungen verlorengingen. Wandmalereien sind bereits bei der Zerstörung bestenfalls mit ihrem Putzträger heruntergebrochen und zertrümmert, wenn sie nicht unwiederbringlich verbrannten. Und selbst die Bauwerke beschränken sich meist auf Grundmauern, wenn sie nicht gänzlich die steilen Hänge der Burghügel hinabgerutscht sind. So gut wie nie gibt es ein intaktes Obergeschoss oder gar eine Dachterrasse, auf der einst prachtvoll in Volantröcke gekleidete Frauen mit langen schwarzen Haarlocken und geöffneten Blusen in die Ferne geschaut haben könnten.

Das Bedürfnis der Kulturreisenden nach Bildern dieser untergegangenen Welten ist offenbar so stark, dass findige Bilderproduzenten alles anbieten können, was die Anschauungslücken in den Ruinen füllt. Wir leben in einer Zeit höchst erfolgreicher „Fake News“; solche „Nachrichten“ müssen vor allem überraschend, aufregend, pointiert sein. So scheinen sie am besten zur Bedürfnislage moderner Menschen zu passen. Solchen Nachrichten geht es um Unterhaltung, nicht um Authentizität, um Nervenkitzel, nicht um Aufklärung, um leichten Konsum, nicht um die Anstrengungen von Bildungsarbeit.

Ein Bedürfnis nach solchem Informationsfutter hatte schon der berühmte Ausgräber von Knossos, der ob seiner Arbeit geadelte Sir Arthur Evans erkannt. Er beschränkte sich nicht auf Grabungen, sondern baute den Palast nach seinen Vorstellungen wieder auf, er ließ die Wände verputzen und mit phantasievollen Wandbildern verzieren. Er ließ wundersame, nach oben hin breiter werdende Säulen aufrichten, vor denen heute unzählige Touristen staunend ihre Köpfe ins Genick drücken.

Eins der berühmtesten Beispiele von Evans‘ Rekonstruktionsleistungen ist der „Lilienprinz“ aus Knossos: ein nackter, nur mit Lendenschutz bekleideter Jüngling mit prachtvoller Federkrone, unter der lange schwarze Locken hervorkräuseln, der durch ein Feld hüfthoch blühender Lilien schreitet (Abb. 1).

Dieser „Lilienprinz“ ist nichts weniger als eine Erfindung. Authentisch daran sind ein paar verstreute Putzfragmente, die zertrümmert am Boden eines Raums in Knossos lagen. Sie wurden geborgen, gereinigt, nach den Vorstellungen von Evans zusammengelegt und malerisch ergänzt, so dass die berühmte Figur entstand. Der deutsche Archäologe Wolf-Dietrich Niemeier hat in einer unspektakulären, auf die Erlangung begründeten Wissens gerichteten Arbeit verschiedene Varianten entwickelt, wie die Putzfragmente tatsächlich gedeutet werden könnten. Dabei kamen immer drei Figuren zustande, auf die sich die Fragmente verteilten, nie aber die effektvolle Bündelung in einer einzigen Person. Die prachtvolle Federkrone wurde in Niemeiers Rekonstruktionen nie zur Kopfbedeckung eines Jünglings, sondern zu der eines geheimnisvollen, unbekannt bleibenden, vielleicht göttlichen Fabelwesens.

2. Der Maler von Evans‘ „Rekonstruktionen“

Soweit ist das alles kein Geheimnis. Die Käufer (und auch Leser) des Katalogs zur Großen Kreta-Ausstellung des Badischen Landesmuseums Karlsruhe von 2001 konnten Niemeiers Erkenntnisse ohne Mühen um die Beschaffung unzugänglicher Fachliteratur zur Kenntnis nehmen („Im Labyrinth des Minos“, S. 78). Ergänzend hat das FAZ-Feuilleton anlässlich der Wiedereröffnung des Archäologischen Museums von Heraklion prägnant auf die Umstände hingewiesen (FAZ vom 07.09.2015, noch immer online verfügbar und lesenswert).

Ein echtes Geheimnis hat Arthur Evans um die Frage gemacht, wer eigentlich all seine phantasievollen Rekonstruktionen tatsächlich produzierte. Man personalisierte dies bislang immer auf ihn – ein Eindruck, der ihm sicherlich gefiel und den er kräftig beförderte. Auf einen möglichen anderen Hintergrund bin ich bei der Befassung mit dem sogenannten Palast des Nestor im griechischen Messenien an der Westküste des Peloponnes gestoßen, auf dessen Infotafeln die eingangs bereits erwähnten Bilder mit Vorstellungen zum untergegangenen Zustand auffallen:

Schon die Zuordnung jener vielleicht „mykenischen“, jedenfalls bronzezeitlichen Palastruinen zu einem König Nestor aus der Mythologie ist so ein Bild, das die Leute offenbar gerne aufsaugen. Wer jemals Homer gelesen oder zumindest seinen Gustav Schwab konsumiert hat, kennt den greisen und weisen König Nestor aus dem troianischen Krieg. Zu gerne würde man sich diese Gestalt aus der Mythologie in einem realen Palast vorstellen. Die Archäologie kann aber nicht den geringsten Beleg liefern, dass ein solcher Nestor im messenischen Palast geherrscht habe.

Deshalb hatte schon das Grabungsteam um Carl W. Blegen, das sich nach dem 2. Weltkrieg durchaus seriös und mit einer ins letzte Detail ziselierten Inbrunst der Offenlegung des „Nestor-Palasts“ gewidmet hat, zugleich eine ‚populistische‘ Schauseite eröffnet. Es engagierte einen Künstler, der für die bildhafte Anschauung sorgen sollte, wo die Ruinen selbst diese Anschauung nicht liefern konnten: Piet de Jong.

Der Engländer aus einer holländischen Migrantenfamilie wird nur in der englischen Wikipedia gewürdigt. Dort erfährt man, dass de Jong eigentlich ein maßgeblicher Mitarbeiter von Arthur Evans bei der Rekonstruktion des minoischen Palasts von Knossos war, dessen eigentümliche Ausformung nach den Vorstellungen von Evans unter ernsthaften Archäologen heftige Kritik ausgelöst hatte. Wir erfahren ferner, dass diese freie Gestaltung des Evans‘schen Minos-Palastes entscheidend auf der künstlerischen Inspiration von Piet de Jong aufbaute, der in den Jahren zwischen 1922 und 1930 für Evans arbeitete.

Spiegelt sich das in irgendeiner Weise in Evans’ Publikationen wieder? Im 1921 erschienenen Band I der großen Grabungsdokumentation zum „Palace of Minos“1 konnte de Jong noch nicht erwähnt sein, wenn er erst 1922 zum Team gestoßen war. In den Folgebänden (II in 1928, III in 1930 und IV in 1935) taucht de Jong nur in einer Marginalität auf, als sei er ein untergeordneter Sherpa gewesen – etwa von der Bedeutung eines Fahrers von Arthur Evans, wie es überkorrekte Abspanne großer Filme auszuweisen pflegen. Allein im Vorwort zu Band III wird Evans etwas deutlicher, aber nicht wirklich konkret:

Mr. Piet de Jong, the Architect of the British School at Athens, who has carried out, under my direction, the recent work of reconstitution in the Northern and Eastern Sections of the building, has executed a series of restored plans and elevations…

Wirklich wichtig war Evens hier wohl nur das „unter my direction“. Denn zu keiner der Abbildungen in der Grabungsdokumentation, zu keiner Rekonstruktion von Ansichten oder ganzen Bauteilen ist auf den tausenden von Seiten irgendeine Autorenschaft ausgewiesen. Während wikipedia.en Beispiele nennt wie die berühmte Rekonstruktion des Thronsaals von Knossos, die alle auf de Jong zurückgehen sollen, schwebt in den Evans-Büchern über der gesamten Grabungsdokumentation ausschließlich ein Autorenname: der von Evans selbst, dies aber in beispielloser Protzerei. Die vollständige Autorenangabe auf den Titelblättern der vier Grabungsbände zum „Palace of Minos“ variiert leicht, hat aber immer diesen Stil (hier zu Band IV, Teil 1):

Sir Arthur Evans, D. Litt., etc., F.R.S., F.B.A., Royal Gold Medallist R.I.B.A., Gold Medallist Soc. Ants. Lond. Foreign Member of the R. Acad. of the Lincei, of the Bavarian, R. Danish, Swedish, and Athens Acads., of the Göttingen Soc. of Sciences, of the R. Acad. of Sciences Amsterdam, of the German, Austrian and American Arch. Insts. and the Arch. Soc. of Athens: Correspondant de l’Institut de France. Honorary Keeper and perpetual visitor of the Ashmolean Museum in the University of Oxford: Hon. Fellow of Brasenose College.

Welch überdrehter Angeber!

Derart egozentrisch ist das Blegen-Team mit de Jong nicht umgegangen. Er wird zu den Grabungskampagnen der Jahre 1952 (2. Kampagne) bis 1956 als Teammitglied aufgeführt. Seine architektonischen Rekonstruktionen wie seine vielen zeichnerischen Visualisierungen sind immer gekennzeichnet, de Jong durfte sogar seine Arbeiten mit einem speziellen Logo signieren.

3. Beispiele für Rekonstruktionen à la de Jong

Als erstes Beispiel sei hier de Jongs Gemälde wiedergegeben, in dem er den Thronsaal des Megaron von Pylos „rekonstruiert“ hat (Abb. 2):

Thronsaal des Nestor-Palasts von Pylos in Messenien, Rekonstruktion von Piet de Jong

Abb. 2: Gemälde des Pylos-Thronsaals von Piet de Jong, Frontispiz in der Grabungsdokumentation von Evans et al, Band I.1 (Ausschnitt).

 

Man möge bei der Betrachtung dieser Vision beachten, dass lediglich die hier mit bunten Mustern bemalten Mauersockel die Brandzerstörung des Palasts überstanden haben, von denen aber größtenteils der bemalte Putz abgebrochen war, ferner die flache runde Feuerstelle in der Mitte. Deren seitliches Dreiecksmuster ist das einzige Malereielement, das heute noch in situ zu erahnen ist (dazu mehr in Abschnitt 4). Alles andere wurde durch den Brand zum Ende der Bronzezeit weitestgehend vernichtet. In den heruntergebrochenen, fragmentierten, verbrannten Putzresten konnten die Archäologen um Blegen meist nicht einmal mehr erkennen, ob sie überhaupt bemalt waren, geschweige denn Farben oder Formen identifizieren.

Der Thronsaal von Piet de Jong ist also fast ausschließlich ein Phantasiegebilde. Schon die Größenanmutung stimmt nicht: Vom Schachbrettmuster des Bodens hat man immerhin so viel festhalten können, dass eine Teilflächenkante 1,08 m maß (Palace of Nestor, Bd. I.1, S. 83). Daraus ergibt sich durch Ausmessen und einfachen Dreisatz, dass die beiden Personen rechts vor dem mykenischen Schild in Form einer 8 nur ca. 1,30 m groß sein können. Die Menschheit mag ja in den letzten 3200 Jahren wenn nicht an Verstand, so doch an Körpergröße gewonnen haben – aber nicht so sehr. Piet de Jong hat also seine Figuren viel zu klein gemalt, um eine suggestive Hallenvorstellung zu erzeugen, die real nicht gegeben war. Entsprechend überdreht ist auch die Detaillierung aller anderen Elemente wie etwa der Decken, der Kapitelle oder des Licht- und Rauchabzugsschachts in der Raummitte.

Die Infotafeln unter dem neuen Schutzdach und das Museum im benachbarten Ort Chora sind voll von Bildern de Jongs. Sie sollen offenbar nach Meinung der Tourismusbehörden noch immer jene Vorstellung prägen, die sich Besucher von diesem mykenischen Palast zu machen haben. Für solch bunte Bilder (im kaum noch gepflegten Museum sind sie allerdings inzwischen arg verblaut) muss man aber nicht auf den Peloponnes fahren. So etwas kann man sich auch in den Bildzeitungen der Wissenschaft ansehen. Besucht man aber das Museum in Chora und sucht nach den realen Putzfragmenten, aus denen die Rekonstruktionen entstanden sind, so erfährt man eine riesige Enttäuschung: Nicht weil sie so lieblos in spiegelnden Glaskästen präsentiert werden, sondern weil sie so unglaublich rar und die raren Reste auch noch so traurig fragmentarisch sind.

Als zweites Beispiel für de Jongs Künste sei in Abb. 3 wiedergegeben, was de Jong aus drei der ganz seltenen außergewöhnlich gut erhaltenen Putzfragmente „rekonstruiert“ hat – das de Jong’sche Bild in Abb. 3 unten stammt aus einer der Infotafeln unter dem neuen Schutzdach, die Putzfragmente sind im Museum von Chora zu besichtigen2.

Der Vogelkopf links oben könnte zu einem Greifen gehören – soweit war de Jong wohl korrekt aus Kreta vorgepolt. Dass aber ein solcher Greif einen schlangenartigen Ringelschwanz wie jener Löwe und einen Körper wie ein Windhund wie in seiner „Rekonstruktion“ gehabt haben soll, hat er sich wohl nur so gedacht. Er konnte noch nicht wissen, was erst Ende der 1960-er Jahre in der versunkenen minoischen Siedlung auf Thera (Santorin) freigelegt wurde: u.a. die Wandmalerei eines weitgehend erhaltenen „minoischen“ Greifen (Abb. 4)3.

Schon vor Betreten der Grabungsstätte des „Nestor-Palasts“ unter dem neuen Schutzdach werden Besucher von minoischer Symbolik empfangen und fühlen sich nicht mehr in einem mykenischen, sondern in einem minoischen Palast. So wird etwa auf einer Fahne am Kassenhäuschen die Malerei einer Frau wiedergegeben (natürlich ein Piet de Jong-Bild), die in einen prachtvollen minoischen Volantrock gekleidet ist (auch derartige Kleidungsstücke kennt man am besten erhalten aus der minoischen Grabungsstätte von Santorin).

In der Palastanlage wie im zugehörigen Museum von Chora sucht man allerdings vergeblich nach einem Beleg, dass diese Malerei tatsächlich hier gefunden wurde, geschweige denn Informationen darüber, welche Putzfragmente in dieser Malerei original sind. So kommt der Gedanke auf, ob der Rundumeindruck, den dieser „Nestor-Palast“ als minoischer Palast erzeugt, ein neuzeitlicher Import sein könnte –  geprägt von Evans und seinen Minoer-Vorstellungen, diese umgesetzt in den „Rekonstruktionen“ von Piet de Jong im kretischen Knossos und dann von de Jong mit dem Wechsel seines Malereiorts nach Pylos importiert.

Sind die minoischen Prägungen diese Palastes, die insbesondere auch die Infotafeln unter dem neuen Schutzdach allenthalben suggerieren, also eine Erfindung bzw. Projektion des Künstlers und Malers Piet de Jong? Glücklicherweise kann man sagen: vielleicht auch, aber nicht in der Substanz. De Jong hat zwar mit seinen Malereien die Detaillierung der brandzerstörten Ausgestaltung des Palastes neu erfunden, nicht aber seinen grundsätzlich minoischen Charakter. Dafür steht zum Beispiel ein Grabungsfund, der im Museum von Chora etwas lieblos im letzten Raum in die Ecke gestellt wurde: ein steinernes Exemplar jener von Evans „horns of consecration“ (Weihehörner) genannten stilisierten Stierhörner. Sie sind in der minoischen Kultur ubiquitär, sie wurden auch auf Santorin nicht nur als Objekte, sondern auch in den dortigen Malereien gefunden… und eben auch in Pylos. So baut  jedenfalls die Infotafel über dem Vorhof zum Megaron (Raum 3) den realen Fund in ein Bild ein (Abb. 5).

4. Adepten des schönen Scheins, wohin man schaut.

Gleichwohl sollte kein Besucher annehmen, die schönen Bilder des untergegangenen Palastes würden diesen authentisch zurückholen. Viele wollen das aber allzu gern glauben. Denn de Jong hat längst erfolgreiche Nachahmer gefunden, die seinen Stil weiter zuspitzen und daran verdienen. Einer dieser Adepten ist ein Balage Balogh, der seine Malereien über die Website https://archaeology illustrated.com/ vertreibt. Zu allem  und jedem aus der alten Geschichte, das unbedarfte Menschen fesseln könnte, hat er seine Bilder gefertigt – immer schön bunt und im Wesentlichen frei erfunden. Dort findet sich z.B. auch eine „Rekonstruktion“ des Thronsaals von Pylos: Archaeology Illustrated  – unverkennbar eine Adaption der oben bereits abgebildeten Arbeit von de Jong, nur noch viel bunter.

Dies Treiben wäre nicht weiter erwähnenswert, hätte es nicht Eingang in eine Publikation der Wissenschaftlichen Buchsgesellschaft Darmstadt (WBG) gefunden, die sich ebenfalls dem Thema „Mykenische Paläste“ widmet4. Der Autor Josef Fischer schreibt darin von allerlei Dingen, die er sich im Laufe der Zeit zusammengelesen hat – durchgängig ohne jeglichen Quellenverweis. Weil das alles etwas langweilig und unübersichtlich ist, wurde das Buch mit vielen Bildern aufgepeppt. Die stammen nicht etwa von Studienreisen des Autors zu den Objekten seines Themas. Die Illustrationen strömen vielmehr aus kommerziellen Bildarchiven, die mit archäologischer Forschung wenig, hingegen mit der Vermarktung schönen Scheins viel zu tun haben. Darunter findet sich auch jener Balage Balogh. Damit ist die WBG Darmstadt ganz schön auf den Hund gekommen. Denn mit Wissenschaft hat diese Bebilderung nichts mehr zu tun.

Ein kleines Beispiel mag das illustrieren, das erneut seinen Gegenstand im „Nestor-Palast“ findet:

Wie aus diffusen historischen Wahrheiten griffige Fake News für die BILD-Zeitung der Wissenschaft werden

Eins der ganz wenigen Objekte, an denen in situ Malereien des Palasts von Pylos bewahrt wurden und auch für Besucher noch zu erkennen sind, ist die Feuerstelle im Zentrum des „Thronsaals“ (Raum 6 in der Blegen-Nummerierung). Man erkennt noch an ihrem Rand ein Muster aus Dreiecken: die obere Dreiecksfolge dunkel – vielleicht dunkelblau, die untere sehr hell – vielleicht hellblau (oberes Bild in Abb. 6; MS 2017-6233).

Der phantasiebegabte Maler Piet de Jong aus dem Grabungsteam von Carl Blegen hatte diese Dreiecke zwar als Formen in seine „Rekonstruktion“ (vgl. noch einmal die Abb. 2) übernommen, die oberen Dreiecke aber schöpferisch feuerrot, die unteren dunkel eingefärbt (mittleres Bild in Abb. 6; aus der Blegen Grabungsdokumentation, Band I.1, Ausschnitt aus dem Frontispiz).

Der de Jong-Adept und fleißige Produzent noch phantastischerer antiker „Rekonstruktionen“, Balage Balogh, bleibt tendenziell bei den Farben de Jongs, macht aber aus dem Randmuster der Feuerstelle eine Art blauer Brandungswellenstruktur, in die rote, nicht mehr dreieckige, sondern leicht gekrümmte haifischzahnartige Formen hineintauchen (unteres Bild in Abb. 6; Ausschnitt aus Abb. 94 im Fischer-Buch S. 100).

Der Balogh-Adept Josef Fischer (WBG) hat offenbar weder das Original studiert, noch die de-Jong-Adaption angesehen, sondern nur flüchtig auf die in sein Buch eingestreuten Bild-Phantastereien von Balogh geschaut und stellt nun in seinem Text zur Beschreibung des Pylos-Palasts ein „Flammenmuster“ am Rand der zentralen Feuerstelle fest (Fischer S. 115 I). Man könnte ja Baloghs Wellenform für eine Flammenform halten – doch seit wann sind Flammen so tiefblau? Und was will uns Fischer mit dieser seiner (rein fiktionalen) Deutung unterjubeln? Dass König Nestor durch Flammenmuster plump veranschaulicht habe, dass auf dieser Feuerstelle Flammen entzündet wurden?

Lassen Sie sich nicht für dumm verkaufen, ignorieren Sie die WBG und ihren Fischer (das Buch bietet zu seinem angeblichen Thema „Mykenische Paläste“ sowieso nur dürre 23 Seiten, die zum größeren Teil mit Produkten der Bildagenturen gefüllt sind), reisen Sie nach Messenien und schauen Sie sich das Original an!

 

Dieser Text ist in seinem zentralen Teil ein Auszug aus meinem Essay über den sogenannten Nestor-Palast in Messenien, der hier als PDF-Datei bereitgestellt wird: Ein ‚mykenischer‘ Palast in Messenien. Der Vorspann zum „Lilienprinzen“ und der Nachspann zum WBG-Buch wurden für diese Webseite ergänzt.

Zur Kritik am Fischer-WGB-Buch über „Mykenische Paläste“ vgl. auch auf dieser Website: "Was sind Mykenische Paläste?"

 

Anmerkungen