Seevölkergeschichte im Spiegel 28/2016 unter dem Titel: Der nullte Weltkrieg

Brief an den SPIEGEL zu seinem „0. Weltkrieg“

Stellungnahme zu einer Seevölkergeschichte von Matthias Schulz in Ausgabe 28 aus 2016, die formell unter „Wissenschaft“ firmiert, real aber auf Krawall und Skandalisierung gebürstet ist, wie das bislang vor allem vom Spiegel-Online-Beiboot bekannt war. Der Brief ist hier um einige Verlinkungen ergänzt.

 

Sehr geehrter Herr Schulz,

ich erinnere mich noch gut an eine Titelgeschichte, die Sie vor vielen Jahren über Atlantis geschrieben haben (SPIEGEL 53/1998). Damals ging es um die Troia=Atlantis-These von Eberhard Zangger. Dem gleichen Forscher, der sich so umtriebig um die Entschlüsselung frühgeschichtlicher Rätsel kümmerte und der offenbar aus seinem jahrelangen frustrierten Rückzug wieder zurückgefunden hat, widmeten Sie in diesem Sommer wieder eine Geschichte („Der nullte Weltkrieg“, SPIEGEL 28/2016, Ausriss vorstehend).

Doch welch ein Unterschied. Es scheint so, als seien alle Untugenden der Aufgeregtheit, mit denen sich Ihre Online-Abteilung den Themen der Welt widmet, in das gute alte Printmedium übergeschwappt. Untersuchte man mit wissenschaftlicher Nüchternheit – und Ihr Artikel ist mit „Wissenschaft“ überschrieben – die Geschichte der sogenannten Seevölker, so würde man eine über Jahrhunderte währende Migration sehen, die immer mehr auch auf dem Landweg stattfand, beständig die Assimilation der Migranten durch das ägyptische Reich erlebte (v.a. der Shardanen) oder die Ansiedlung der Migranten in dessen Einflussgebieten (Peleset > Philister >Palästinenser). Das kriegerische Potential der Angreifer Ägyptens in dieser späten Bronzezeit (unter denen nach Hattusa eher libysche Stämme die Hauptakteure waren) wurde wohl zur Preisung der sie bekriegenden und besiegenden Pharaonen von den ägyptischen Relief-Künstlern maßlos übertrieben. Schon von den Fakten her verbietet es sich daher, von einem „Weltkrieg“ zu sprechen. Vergleichen Sie doch nur die von Pharao Merenptah penibel gezählten 2.370 erschlagenen Seevölker-Krieger aus dem libyschen Krieg (bei 6.359 erschlagenen Libyern) mit den über 300.000 Soldaten, die allein in Verdun gefallen sind. Aber mit der Nummer „0“ reihen Sie diese Geschehnisse in die zwei fürchterlichsten Episoden unserer jüngeren Geschichte ein, die damit nur relativiert werden können.

Auch historisch bekommen Sie mit ihrem „0. Weltkrieg“ Probleme ohne Ende: Wie wollen Sie jetzt noch den Kontinente übergreifenden Kriegszug Alexanders („des Großen“), die militärisch erworbene Herrschaft eines in den Anfängen kleinen römischen Stadtstaats über die gesamte mediterrane Welt (und noch darüber hinaus), die nicht nur das Mittelmeer umgreifenden Eroberungen der Muslime oder das grauenhafte Wüten der osmanischen Horden usw. usf. einordnen? Für diese und andere Weltkriege bleiben dann wohl nur noch Dezimalbrüche zwischen 0 und 1 – womit wir in unserer Zeit angelangt sind, in der das Datenprinzip der 0 und der 1 die Herrschaft über die Köpfe übernimmt (etwa bei der schon angesprochenen Online-Abteilung, die sich im verzweifelten Aufgeregtheitswettstreit mit sogenannten „sozialen“ Medien zu befinden scheint).

Es ist aber nicht nur der Titel, mit dem Sie so daneben liegen. Denn der Duktus der Zuspitzung über jeden sachlichen Kern hinweg prägt im Grunde den ganzen Artikel. Ich will da nur einen Satz beispielhaft herausgreifen, der sich mit einem prägnanten Attribut der „Seevölker“-Krieger auf den Medinet-Habu-Reliefs befasst:

Die Invasoren … trugen Hörnerhelme wie die Wikinger bei Asterix“.

Da kann man angesichts einer legendären SPIEGEL-Dokumentationsabteilung, die angeblich „jedes Wort jedes Artikels“ prüft (Abbildung der aktuellen Werbung rechts) nur fassungslos den Kopf schütteln und sich fragen, ob auch die Spiegel-Dokumentation bereits hinter den Kulissen zum Opfer all der Sparprogramme geworden ist, die leider die Verlage unserer Printmedien heimsuchen (unser hiesiges „Darmstädter Echo“ hat nach Verkauf und im Zuge eines Umzugs sein gesamtes Archiv ins Altpapier gegeben). Denn ganz offensichtlich hat deren Prüfanspruch nur noch in der Spiegel-Eigenwerbung überlebt:

Drei gravierende Fehler in einem kurzen Sätzchen! Armer SPIEGEL.

Kommen wir zu Ihren Quellen:

Zunächst greifen Sie den angeblichen Guru der Seevölkerforschung auf, der mit seinem aktuell in den Markt gedrückten Buch „1177 – Der erste Untergang der Zivilisation“ im gleichen reißerischen Tonfall den vermuteten Zeitgeist bedienen will, der mich schon an der Ausgestaltung Ihrer Geschichte stört. Der SPIEGEL hätte mit seiner Wissenschaftsabteilung den Einfluss und wohl immer noch die mit genügend Recherchemuße ausgestatteten Redakteure, jenen Unfug zu sezieren, den dieses Buch verbreitet. Eric H. Cline hat keinerlei Antwort auf das Seevölkerproblem. Weitschweifig schichtet er die in seiner Institutsbibliothek gespeicherten Daten in Kapitel seines Buches um, um am Ende hilflos zu sagen: es ist alles so wahnsinnig komplex. Offenbar hat sich aber – was ja auch ein Hinweis ist – noch keiner der in der Regel unter Zeitdruck stehenden Rezensenten in die hinteren Teile des Cline’schen Buches vorgelesen, wo der seinen ultimativ abenteuerlichen Ausflug antritt: Er sucht sein Heil in einer sehr abstrakten Theorie der theoretischen Informatik, der sogenannten Komplexitätstheorie, die in gewisser Weise auf der schon  wieder historischen Berechenbarkeitstheorie aufbaut (hier hilft Wikipedia sogar deutlich weiter als bei den Wikingern, weil der Artikel zur Komplexitätstheorie als „exzellent“ eingestuft wurde). Cline hat aber diese Theorie selbst nicht verstanden, dann natürlich auch nicht erfolgreich anwenden können. Aber zitiert werden von den Rezensenten nur die Anfangssentenzen mit den spektakulären Zitaten von den ägyptischen Tempelwänden.

Zangger liegt da ganz anders. Ihm muss man vorhalten, dass er das Thema zu monokausal angeht. Er vernachlässigt die oben bereits angesprochene lange Geschichte jener „Seevölker“-Migration und spitzt die Entstehung des angeblichen Bündnisses der Seevölker (was wohl mehr der ägyptischen Propaganda entspringt) auf ein eher marginales singuläres Ereignis zu: einen Überfall der Hethiter auf das vorgelagerte Zypern.

Spitzklickerisch könnte man hier fragen: meint Zangger den ersten oder den zweiten Angriff der Hethiter auf Zypern (was wiederum fragen lässt, wie erfolgreich eigentlich der erste war). Wichtiger ist hier aber die Frage, ob die Völker des luwischen Sprachraums auch als politisch-militärische Verbündete begriffen werden können (es spricht allerlei dagegen). Zuvor waren manche dieser Völker noch mit den Hethitern verbündet (Schlacht von Qadeš). Das Luwische hat sodann als Sprache all jene „Seevölker“-Kleinstaaten lang überdauert, wie etwa die ungemein wichtigen und leider vom türkischen Staat schon vor Erdoğans Putsch so missachteten Inschriften von Karatepe Aslantaş zeigen (vgl. dazu homersheimat.de: Karatepe-Reisebericht - das wäre auch ein schönes Thema für den alten SPIEGEL, mit dem vor allem die türkische Archäologin Halet Çambel die ihr gebührende Würdigung erfahren könnte) usw. usf. Da ist sicher noch viel zu erforschen. Eine monokausal schlüssige Hypothese zur „Seevölker“-Problematik liefert das alles aber nicht.

Falls Sie sich nun – abschließend – dafür interessieren sollten, wie ich das alles sehe: trotz jahrelanger Befassung mit dem Thema kann und will ich keine Erklärung anbieten, die sich für spektakuläre Zuspitzungen unter den Einflüssen des kurzatmigen, häppchenbegrenzten, effektorientierten angeblichen Zeitgeistes eignet. Wir – damit schließe ich auch Sie als geschätzten ‚alten‘ Spiegel-Journalisten ein – sollten uns für die Bewahrung einer Sicht einsetzen, dass Wissenschaft erst  nach durchdrungenem Verständnis, mit mühsam erworbenen Wissen ihren spektakulären Glanz entfalten kann, nicht aber auf dem Markt der Tagesevents, der morgen schon wieder ein anderer ist. Sollte Sie also meine Kernthese zur Seevölkerproblematik interessieren, so können Sie die auf meiner Website unter homersheimat.de: Seevölker-Portal/ lesen. Da finden Sie auch die Rezeption der Hypothese eines alten Bekannten, die der SPIEGEL schon 1968 ins Blatt gehoben hatte.

 

Mit freundlichen Grüßen, Michael Siebert