Alle Quellen zu den diversen Kilikien-Artikeln in diesem Website-Bereich – meist zitiert in Kapitälchen – sind auf einer besonderen Seite Literatur ausgewiesen.

Zu dem nachfolgenden Essay gibt es auf „Homesheimat“ keinen Text mit vorbereitender Untersuchung.

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„drei drei drei – bei Issos Keilerei“


Übersicht:


 

Keine Geschichtszahl hat sich so eingebrannt wie dies 333, jedenfalls in den älteren Generationen, während die jüngeren diesen Spruch angeblich gar nicht mehr kennen (Abb. 1). Ob Spruch oder nur Zahl – wie steht es (bei jungen wie alten) mit den nötigen Kontextinformationen, die bei einem solch einprägsamen Knittelvers leicht in den Hintergrund treten könnten? Fand dies Ereignis vor oder nach unserer Zeitrechnung statt, also (vom Verfassungsjahr dieses Essays aus berechnet) vor 1.682 oder vor 2.348 Jahren? Und wer hat sich da eigentlich gekeilt – die Kelten mit den Römern, die Römer mit den renitenten Galliern im kleinen bretonischen Dorf oder wer? Und vor allem: wo hat diese Keilerei stattgefunden?

Natürlich hat die Sache mit Kilikien zu tun, sonst würde sie nicht in diesem Website-Bereich verhandelt. Zur Einordnung der Jahreszahl und zur Zuordnung der Kombattanten hilft noch das bei Jung und Alt beliebte Wikipedia. Aber auch zum Ort?

1. Woher wissen wir eigentlich von der Schlacht bei Issos?

Wenn man sich den Wikipedia-Artikel zur Schlacht bei Issos als PDF-Datei generieren lässt, werden gegen Ende auch alle Autoren gelistet, die daran mehr oder weniger punktuell mitgewirkt haben. Man liest für die nur zwei Textseiten zehn Textzeilen Autorenpseudonyme, deren Zählung ich mir hier erspare, von „Fusslkopp“ bis „Herodot123“. Aber sie bringen es alle nicht zustande, die angegebenen gerade mal zwei Quellen auf einen sauber ausgewiesenen Ort auszuwerten und die beteiligten Heere überzeugend dorthin zu führen.

Die Quellenlage sieht so aus:

Die Wikipedia-Malaise beginnt bereits bei der Scheinpräzision des beigegebenen Schlachtenplans. Ohne Ausweisung einer Quelle werden da von dem US-amerikanischen Militärgeographen Frank Martini rote und dunkelblaue Schlachtreihen an einem „Pinarus River“ gegenübergestellt, verschoben und zerfetzt. Wenn er denn wenigsten darlegen würde, wer nun „rot“ und wer „blau“ ist. In Amerika sind beides die Farben des republikanischen Elefanten, für Issos fehlt aber jeglicher Anhaltspunkt.

Dieser stark vereinfachte, auf eine Legende verzichtende und zudem anglisierende Schlachtenplan ist von jener sorgfältigen Kartierung abgekupfert, die A. Janke zusammen mit seinem Militärgeographen, dem Oberleutnant v. Marées vor Ort gefertigt hat. Dort wird natürlich sauber ausgewiesen, das die blauen die Mazedonier, die roten hingegen die Perser sind (Ausschnitt in Abb. 2).

Kartierung A Janke - Schlacht bei Issos (Ausschnitt)

Abb. 2: Ausschnitt aus der Kartografie des Schlachtfelds mit Aufstellung der Heere nach den Angaben von Arrian (2. Jh. u.Z.) – aus Janke 1904, Anlagekarte 2.

 

Mit ein bisschen Ortskenntnis wird man wissen, dass Alexander von Nordwesten über Kleinasien, die Perser hingegen von Südosten über Syrien kamen. Wie konnte dann diese verdrehte Schlachtaufstellung in der schmalen Ebene zwischen Meer und Amanusgebirge zustandekommen, wo die Perser von Norden, die Mazedonier hingegen von Süden vorrücken?

2. Welche rätselhaften Wege nahmen die Heere?

Dies Rätsel ist nur sauber zu lösen, wenn man die Anmarschroute des persischen Heeres klärt. Alexanders Anmarschroute dürfte hingegen recht eindeutig sein. Er stand mit seinem Heer beim kilikischen Mallos, dessen Lokalisierung zwar nur grob bekannt ist (vgl. dazu meinen Artikel Auf der Suche nach dem bronzezeitlichen Mallos). Aber für die Route, die er in die Küstenebene von Issos genommen hat, gibt es kaum Unwägbarkeiten. Alexander zog um den Golf herum, als er vom Herannahen des persischen Heers hörte. Er ging davon aus, dass Dareios aus der syrischen Ebene kommend das Amanusgebirge über die Syrische Pforte (heute der Belen-Pass) queren und dann beim heutigen Iskenderun die Küste erreichen würde (zu allem vergleiche meine Karte in Abb. 3 sowie in besserer Auflösung als PDF-Datei, ferner auch Abb. 4). Also eilte er ihm dorthin entgegen, mit Zwischenhalt in Issos, dessen Lage allerdings ebenfalls noch nicht so ganz klar ist (dazu mehr im Abschnitt 4).

der Golf von Iskenderun mit Issos und anderen historischen Orten, Straßen und den Anmarschwegen von Alexander und Dareios

Abb. 3: Historische Orte um den Golf von Issos/Iskenderun, wichtige Straßen (rot) und Pässe (lila) mit den Routen der beiden Heere von Alexander dem Großen (blau) und dem letzten persischen Achämenidenkönig Dareios III. (ocker).

 

Dareios nahm aber wohl nicht diesen erwarteten direkten Pass und Weg. Bei Delbrück liest sich die Sache so,

... daß die beiden feindlichen Heere durch verschiedene Pässe desselben Gebirges erst aneinander vorbeimarschiert sind, dann beide umkehren und nun die Schlacht mit verkehrter Front schlagen. Alexander war um den innersten Winkel des Mittelmeeres ... herummarschiert, etwa einen Tagemarsch nach Süden vorgerückt und nahm nun umkehrend die Front nach Norden. Darius hatte hinter ihm, von Osten kommend, das Amanus-Gebirge überschritten, stand in der Strandebene von Issus und nahm die Front nach Süden.

Diese irrlichternde Beschreibung lässt sich nicht nur schwer – und eigentlich überhaupt nicht – auf eine Karte projizieren. Denn Alexander kam nicht durch „dasselbe Gebirge“ wie Dareios, sondern durch gar kein Gebirge, wenn er (von Mallos her) um den „innersten Winkel des Mittelmeeres herummarschiert“ ist. Das ist küstenparallel ein weitgehend flacher Weg. Dann kann auch Dareios nicht „hinter“ Alexander das Amanusgebirge überschritten und ihn auf geheimnisvolle Weise überholt haben. Für ein „aneinander vorbeimarschieren“ ist die schmale Küstenebene von Issos sowieso nicht geeignet. Die militärische Aufklärung, die Alexander die Annäherung von Dareios aus dem fernen Syrien melden konnte, hätte sicherlich gemerkt, wenn ein paar Kilometer nebenan ein ganzes Heer vorbeizieht.

Was macht Wikipedia aus diesen unklaren Andeutungen?

Alexander selbst zog mit seinem Heer zunächst nach Issos und dann auf der Küstenstraße weiter. Hier erwartete er, irgendwann auf den Feind zu treffen. Dareios wiederum hatte sich ebenfalls entschlossen, dem anrückenden Heer Alexanders auf der ihm günstig erscheinenden Ebene nahe Issos Paroli zu bieten...

Soweit ok. Auch diese Autoren gehen also davon aus, dass Alexander den Dareios über die syrische Pforte am südlichen Ende der Küstenebene von Issos erwartet hatte. Aber kam er tatsächlich dorther? Wikipedia umgeht die Antwort und meint weiter:

Mit seiner großen Armee...marschierte Dareios dann allerdings schließlich auf einer östlich gelegenen Straße zur Stadt Issos und verließ damit die für ihn günstige syrische Ebene. Ohne es zu ahnen, passierten die beiden Heere einander, nur durch einen Gebirgszug getrennt.

Mit „syrischer Ebene“ kann eigentlich nur die Tiefebene östlich des Amanusgebirges gemeint sein, die heute zur türkischen Provinz Hatay mit ihrer Hauptstadt Antakya gehört. Diese syrische Ebene „verlässt“ man üblicherweise über den Belen-Pass, also die „Syrische Pforte“ südlich von Iskenderun. Noch heute gibt es in der ganzen Gegend keine brauchbare alternative Straße, die „östlich“ dieser Pforte ebenfalls nach Issos führen würde. Kam Dareios also doch über diese Pforte und fand dann die Passage der beiden Heere in der Küstenebene von Issos statt?

Die Wikipedia-Autoren haben sich wohl auch gedacht, dass zwei Heere in diesem engen Küstenraum nicht aneinander vorbeikommen ohne sich aufzufallen. Also legten sie einen „Gebirgszug“ dazwischen. Aber welchen? Bedeutend kann er nicht sein, wenn es „nur“ dieses Hindernis zwischen den Kombattanten gab, die „einander passierten“. Auch letztere Wendung spricht dafür, dass sich die Autoren eine räumliche Nähe zwischen den Heeren vorstellen, die auf unerfindliche Weise ohne es zu ahnen aneinander vorbeimarschieren und dann wieder umdrehen müssen, nachdem sie ihren Irrgang zur Kenntnis genommen hatten. Aber in der Küsteneben von Issos gibt es keinen derartigen „Gebirgszug“, der zwei Heere im Nahbereich trennen könnte. Die Autoren können ihre Darstellung weder auf einer Karte, noch gar in der Örtlichkeit selbst kontrolliert haben.

Das alles macht etwas ratlos. Halten wir uns daher an A. Janke, der schon die präzise Schlachtengrafik beigesteuert hat:

Janke hat eine fundamental andere Sicht auf den Anmarschweg des persischen Heeres, die all die Verrenkungen von „aneinander vorbeiziehen“ und wieder „umkehren“ überflüssig macht. Er bringt einen wichtigen innerkilikischen Pass ins Spiel, durch den letztlich alle Heere hindurch mussten, die zwischen Kleinasien und Syrien/Palästina/Persien in die eine oder andere Richtung gezogen sind. Am neutralsten ist dieser Pass durch die Burg Toprakkale bezeichnet, die ihn an seinem nördlichen Ende kontrolliert. Und so nennt ihn Janke auch „Paß von Toprak Kalessi“. Der von Janke vergebene Zweitname birgt hingegen eine unsichere Zuordnung: „Amanische Pforte“. Denn dieser Pass bzw. diese Pforte hat faktisch nichts mit dem östlich angrenzenden Amanusgebirge zu tun, auch wenn er ihm seitlich vorgelagert ist. Denn seine Flanken sind rein vulkanischer Provenienz und erstrecken sich parallel zum Amanusgebirge. Deshalb nenne ich ihn lieber „vulkanische Pforte“ (vgl. dazu meine Untersuchung zum Vulkanismus in Kilikien). Aber Janke meint, der (wohl geologisch eher ungebildete) Politiker Arrian hätte diese Engstelle im kilikisch-syrischen Wegesystem gemeint, als er von den „Amanicae Pylae“ sprach.

Jedenfalls sei Dareios durch diese Pforte gekommen und habe seine eigentliche Amanus-Querung noch viel weiter nordöstlich am Arslan Boghas Pass vorgenommen, an dem noch heute die wichtigsten Verkehrswege – die Bagdad Bahn, die Autobahn O 32 nach Kurdistan und die Nationalstraße D 400 – in enger Bündelung trassiert sind (vgl. noch einmal Abb. 3). Dorthin konnte Dareios nur östlich entlang des gesamten Amanusgebirges gelangen, ohne dabei die syrischen Ebene zu „verlassen“. Dies Gebirge stellt einen solch gewaltigen Sperrriegel dar, dass sich jede Vorstellung von nah aneinander vorbeiziehenden Heeren verbietet. Und auf dieser Route kam Dareios quasi automatisch im Rücken des an der Küste nach Süden ziehenden Alexander an, ohne irgendwie „umdrehen“ zu müssen. Alles weitere erledigte dann die militärische Aufklärung, die beide Heere natürlich hatten. Vielleicht wollte Dareios ursprünglich auf dem gewählten Weg über den Arslan Boghas Pass direkt nach Kilikien hinein. Er bog dann aber durch die vulkanische Pforte/den Toprakkale-Pass/die Amanicae Pylae nach Süden ab, als ihm seine Kundschafter den dortigen Aufmarsch Alexanders meldeten.

So kam es ohne weitere Umstände zur „verdrehten“ Schlachtaufstellung.

3. Wo bloß fand diese Schlacht statt?

Selbstverständlich hat auch die Schlacht bei Issos in Wikipedia den beliebten Geopunkt erhalten: „Koordinaten: 36° 51′ 53″ N, 36° 13′ 10″O“ . Er zeigt in einen Randbezirk der türkischen Stadt Dörtyol (vgl. Abb. 4) neben das Bachbett des Deli Çay und dort auf eine Obstplantage, ist also ziemlich beliebig gesetzt. Natürlich ist es schwierig, eine sich breit hinziehende Schlachtaufstellung in einem einzigen Geopunkt zu fixieren. Nehmen wir daher diesen Geopunkt lediglich als Hinweis, dass die Schlacht nach Meinung der Autoren an diesem Deli Çay stattgefunden habe. Auch meine Karte in der Abb. 3 (bzw. in der feiner auflösenden PDF-Datei) stellt das so dar. Doch dahinter steckt eine bewusste Option gegen die Quelle Delbrück und für die Quelle Janke.

Janke hatte sich für einen Schlachtenort entlang des Deli Çay entschieden. Delbrück hingegen verficht energisch die Position, die Schlacht habe bei dem weiter südlich ins Meer fließenden Bach Paias Çay stattgefunden. Er schließt dies aus Details in den Arrian-Beschreibungen und der dazu besser passenden Bachgestalt, die er durch den Oberingenieur Hossbach noch einmal vor Ort hat prüfen lassen. Delbrück versah diesen Paias Çay übrigens auch mit dem Namen Pinarus, den er heute noch trägt und der in Google Maps – entgegen der dort sonst üblichen landeseigenen Benennung – an seiner Mündung als „Pinarus River“ bezeichnet ist. Der US-amerikanische Militärgeograph Frank Martini, der ebenfalls schon mit diesem Bezeichner kokettierte, kann das nicht bei GMaps eingetragen haben. Denn der hat seinen „Pinarus River“ weiter nördlich mit dem Deli Çay im recht aparten Städtchen Dörtyol und nicht mit den Paias Çay in der heutigen Industriedreckstadt Payas als Ort der Schlacht identifiziert (vgl. noch einmal Abb. 4).

Auch die Wikipedia-Autoren plaudern vom Pinarus als Schlachtenort und meinen den Deli Çay. Dass der Pinarus aber weiter südlich bei Payas fließt (heute nur noch selten), und dass dieser Ort für Delbrück die Lokalität seiner Wahl darstellt, erfährt der Leser leider nicht. Sollen wir das für eine gelungene Synthese halten, das Zusammenwerfen des Namens des einen möglichen Orts mit der unklaren Geoposition des anderen?

4. Und wo finden wir überhaupt dieses Issos?

Die diffizil argumentierende Janke-Delbrück-Kontroverse um den Schlachtenort will und kann ich hier nicht entscheiden. Es kommt vielleicht auch gar nicht so sehr auf diesen Aspekt an, sondern mehr auf die im zweiten Abschnitt erörterten Heereswege und die historische Kontinuität der dabei genutzten Pässe. Die ist angesichts der wirksamen Eliminierung historischer Spuren in der ‚modernen‘ Türkei doch recht erstaunlich.

Aber die übertitelnde letzte Frage sollte noch erörtert werden, wo wir denn jenes Issos, das der großen Schlacht ihren Namen gab, tatsächlich finden können. Auch hier ballert der Geolink von Wikipedia daneben, der den nur vier Zeilen langen Artikel zu „Issos“ krönt. Zunächst der Artikel (Abrufstand August 2015):

Issos (auch Issus) ist eine alte Seestadt in Kilikien (Kleinasien) am Golf von İskenderun. Archäologen der Universität Bilkent vermuten, es als die Ausgrabungsstätte Kinet Höyük nahe Dörtyol identifiziert zu haben. Bekannt wurde der Ort durch die Schlacht bei Issos im Jahre 333 v. Chr., bei der ein makedonisches Heer unter Alexander dem Großen über das weit größere Heer des persischen Großkönigs Dareios' III. siegte.

Als Eselsbrücke lernt man in der Schule den Spruch: „Drei – drei – drei, bei Issos Keilerei.“

Mehr als die Hälfte dieses Kurzbeitrags gehört eigentlich zum Stichwort „Schlacht bei Issos“. Vom Rest bleibt der Tip auf den Siedlungshügel Kinet Höyük. Der besagte Link „Koordinaten: 36° 50′ 18″ N, 36° 9′ 52″ O“ zeigt allerdings nicht darauf, sondern – wieder – in eine Obstplantage, nun an der Küste. Der tatsächliche Siedlungshügel, an dem die Archäologen der Universität Bilkent in den Jahren 1992 bis 1999 gegraben haben, liegt weiter nördlich im unwirtlichen Umfeld eines Gas-Tanklagers, nämlich hier.

Die (vermutlich, wie angegeben) korrekte Lokalisierung habe ich nur mit viel Mühe gefunden und auch nicht vor Ort überprüfen können. Denn auf diese Lokalität gab es örtlich keine Beschilderung. Auch die als ‚Entdecker‘ des wahren Issos an der Stelle von Kinet Hüyük gepriesenen Enzyklopäden der byzantinischen Geschichte Kilikiens, Friedrich Hild und Hansgerd Hellenkemper, helfen hier nicht weiter. Ihre Geodaten, die zum Stichwort Issos abgedruckt wurden, sind mit lediglich Grad- und Minutenangabe nicht nur ungenau, sondern auch noch grottenfalsch (36° 00‘ / 36° 40‘ in Hild Hellenkemper Band 1, S. 277).

Dennoch wird vor Ort – welch ein Wunder! – auf ein „Issos“ in der nach ihm benannten Küstenebene mit einem der für solche Ausweisung gedachten braunen Schilder verwiesen (Abb. 5, hier mit der Schreibweise „Isos“).

Nach Querung der Bahnlinie (Seitenast der Bagdadbahn nach Iskenderun) am weit vom Ort abgelegenen Bahnhof von Erzin gelangt man über landwirtschaftliche Pisten und einen übel verdreckten Kanal mit ein wenig hin und her zunächst zu einem noch bemerkenswert stattlich erhaltenen Aquädukt. Es hatte in historischer Zeit eine ca. 150 Hektar große Stadt aus dem nahen Amanusgebirge im Osten mit Wasser versorgt. Die Stadt selbst lag unmittelbar am Rande des Delihalil Tepe-Basaltfeldes (vgl. dazu näher meine Untersuchung über Vulkanismus in Kilikien), aus dem man die Bausteine für das Aquädukt, das noch in Resten sichtbare Theater oder die noch in wenigen Ruinen erhaltene dreischiffige Basilika gewonnen hat. Das Erscheinungsbild dieser Stadt war also wegen des verbauten vulkanischen Gesteins auffällig schwarz (Abb. 6).

Epiphaneia - vor Ort "Issos" Blick aufs Aquädukt

Abb. 6: Blick vom Siedlungshügel der Stadt Epiphaneia über die Reste des Aquädukts zum östlich aufragenden Amanusgebirge, aus dem die Wasserversorgung der Stadt stammte (und hinter dem Daraios nach Norden gezogen war). Am Fuß dieser Berge das Schlachtfeld von Issos (Bild 15-04-25_1908)

 

In der Wissenschaft ist man sich einig, dass hier nicht das alexandrinische Issos, sondern ein römisch geprägtes Epiphaneia gelegen hatte (eingetragen sowohl in Abb. 3 als auch 4). Hier fanden auch in jüngerer Zeit – wie man an Spuren vor Ort sieht – Grabungen statt. Eine Nachfrage beim Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Istanbul hat jedoch keinen Hinweis ergeben, wer hier forschend tätig ist. Die bereits 1990 erschienene enzyklopädische Bestandsaufnahme zu Kilikien in byzantinischer Zeit von Friedrich Hild und Hansgerd Hellenkemper hat nur zu eher unsicheren Bewertungen geführt (Hild Hellenkemper Band 1, S. 249 f). Dies liegt wohl vor allem an diesem für eine ‚moderne‘ Türkei befremdlichen Tatbestand: Die oberirdisch sichtbaren Ruinen im Stadtareal sind in den letzten Jahrzehnten in großen Teilen dem Steinraub und der Flurbereinigung zum Opfer gefallen.

Und so schließt dieser Ausflug auf der Suche nach Issos und ‚seiner‘ Schlacht betrüblich. Bei der archäologischen Erforschung historischer Monumente, ihrer Pflege und Erhaltung wie auch bei der Information darüber herrscht in der Türkei eine gruselige Ignoranz, Gleichgültigkeit und beinharte Beseitigungsneigung. Die historischen Objekte verrotten, verschwinden, werden von einer immer stärker durchindustrialisierten Landwirtschaft untergepflügt, in Stauseen ertränkt oder von Infrastrukturmaßnahmen und Fabrikanlagen planiert. Das was ein Oberst Janke vor gut 100 Jahren noch sehen, kartieren, studieren, analysieren und in präzise Pläne zeichnen konnte, existiert so gut wie nicht mehr. Nur die historische Geographie der Landschaften ist nicht ganz beseitigt, auch wenn von Bächen nur noch die trockenen Bachbetten und von einst schmalen Pässen nur noch weit aufgesprengte Autobahndurchfahrten übrig geblieben sind.

 

Michael Siebert, August 2015