Exkursionsberichte aus Griechenland 2019
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Die im Bericht angesprochenen Literaturnachweise sind einer PDF-Datei angehängt, in der alle Berichte zur Exkursion 2019 in einer druckfähigen Version zusammengestellt werden: Exkursionsberichte Griechenland 2019-I (16 MB).

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Am Isthmus von Korinth

Übersicht:


 

Spuren der Antike

Die Landenge von Korinth, die Kontinentalgriechenland mit dem Peloponnes verbindet, ist weniger als 6 km schmal. Seit 1893 wird sie vom Kanal von Korinth durchschnitten, der nunmehr den Peloponnes zur Insel macht und den Seeweg um ihn herum um 325 km verkürzt (unbelegte Wikipedia-Angabe). Wegen seiner geringen Breite von nur 25 m auf Wasserspiegelniveau ist er aber für die meisten Schiffe heute nicht mehr nutzbar.

Angesichts der Dauer, der Strapazen und Gefahren einer Peloponnes-Umsegelung war die Idee eines Kanaldurchstichs seit Jahrtausenden virulent und bewegte insbesondere die Köpfe römischer Imperatoren, zuletzt Kaiser Nero, der das Projekt mit 6000 jüdischen Gefangenen versuchte. Gelungen ist der bis zu 80 m tiefe Durchstich in jüngere und zum Teil nicht sonderlich standsichere Sedimente aber erst im Industriezeitalter. Eine Verkürzung der Handels- und Verkehrswege musste daher in der Antike anderen Konzepten folgen:

Eine erste Lösung ist bereits aus archaischer Zeit bekannt, als um 600 v Chr. eine plattierte Straße gebaut wurde, auf der kleinere Schiffe mithilfe rillengeführter Wagen über die Landenge transportiert werden konnten. Da dieser Diolkos (gr. Δίολκος, von διά = hindurch und ὁλκός = Zug) ungefähr auf der Trasse des modernen Kanals gebaut wurde, sind nur noch Reste am westlichen Kanalende erhalten geblieben (Abb. 1).

Eine andere Lösung zur Überwindung der Landenge wählte die Antike. Das klassische Korinth (bzw. seine heutigen, von Touristen gerne besuchten Ruinen) lag damals auf einer marinen Terrasse, die sich in erdgeschichtlicher Zeit knapp 100 m aus dem Meer herausgehoben hatte. Rückseitig war die Stadt mit dem bis auf 575 m ansteigenden Felsenberg „Akrokorinth“ durch ihre Ummauerung verbunden. Zur Küste hinab führten von der antiken Stadt in gut 1 km Abstand zueinander zwei „Schenkelmauern“ (gestrichelt in Abb. 2, heute nicht mehr vorhanden). Sie banden den Hafenkomplex von Lechaion in die Befestigungen ein. Der Hafen selbst bestand aus einem durch zwei Molen geschützten Außenhafen sowie aus mehreren Binnenhafenbecken, die zum Meer hin mit einem 12 m breiten und 150 langen, teilweise abgemauerten Kanal verbunden waren (Abb. 3). Von und zu diesem Hafen wurden Waren über die Landenge transportiert. Das erforderliche Hafenpendant auf der anderen Seite am Saronischen Golf war Kenchreai (vgl. erneut Abb. 2).

Abb. 3: Blick vom Akrokorinth-Gipfel (575 m NN) auf das antike Hafengelände von Lechaion in knapp 5 km Entfernung an der Küste zum Golf von Korinth. Das antike Korinth liegt unterhalb des Bildrandes.

 

Der Blick von Akrokorinth herab auf den antiken Hafen von Lechaion (Abb. 3) ist nur ein kleiner Ausschnitt jenes phantastischen Panoramas, das sich auf dem 575 m hohen Gipfel bietet. Nach gut 200 Höhenmetern Aufstieg vom Parkplatz vor der ersten von drei venezianischen Befestigungslinien hat man hier einen zwei-Meeres-Blick, der in Europa sonst nur noch an der Stiefelspitze Kalabriens vom Bergdörfchen Tiriolo aus zu haben ist: im Westen der Golf von Korinth, der zum Ionischen Meer führt, und im Osten der Saronische Golf als Teil der Ägäis.

Akrokorinth war somit der Wächterberg über den Isthmus von Korinth. Kein Wunder dass der Berg in das Befestigungssystem von Alt Korinth einbezogen war (vgl. die Mauereinträge in Abb. 2). Auf dem Gipfel wurden allerdings vornehmlich Sakralbauten errichtet. Von einem archaisch-klassischen Heiligtum weiß man nur, weil typische Mauerwerksquader in späteren Bauten als Spolien wiederverwendet wurden. Der griechische Reiseschriftsteller Pausanias hatte hier noch im 2. Jh. nC einen Aphrodite-Tempel gesehen (II. 4.7). In nachchristlicher Zeit folgte eine kleine Basilika, die Kreuzfahrer errichteten sodann einen Turm, später bauten die Osmanen eine Moschee auf den Gipfel. Da die zugehörige örtliche Infotafel zur Unlesbarkeit verblichen ist, zeigt Abb. 4 die ihr zugrunde liegenden Bauaufnahmen aus Blegen 1930, zusammengestellt aus dessen Tafeln I bis III.

Eine weitere Attraktion auf dem Burgberg ist die sog. Obere Peirene-Quelle. Sie entspringt innerhalb der Befestigungsmauern südlich des Gipfels und liegt nur 85 Höhenmeter tiefer als der Gipfel ungefähr auf dem Niveau des Zwischensattels und des fränkischen Turms. Ihre Besonderheit: wo heute landauf, landab die Gewässer versiegen, führt diese Quelle noch immer ganzjährig Wasser. In der Antike ist man wohl einem ursprünglich oberirdischen Wasseraustritt gefolgt,  hat drei unterirdische Wasseradern in einem Quellbecken zusammengeführt und dies überbaut. Eine in hellenistischer Zeit aus dem Naturstein gehauene Treppe führt zum Quellbecken hinab. Die Anlage wurde (zusammen mit dem fränkischen Turm) in den Jahren 2007 bis 2013 restauriert (Abb. 5).

Diese außergewöhnlich hoch gelegene Quelle, die auch die später riesig ausgebaute ummauerte Festung ganzjährig mit Wasser versorgen konnte, erschien schon den Menschen der Frühgeschichte als ein Wunder, das nur mythologisch zu erklären war. Die Geschichte verknüpft sich in einer Variante mit Sisyphos, dem Gründer und ersten König von Korinth: Als Göttervater Zeus, wieder einmal von seinen libidinösen Trieben gesteuert, Aigina, die Tochter des Flussgottes Asopos entführt hatte, verriet Sisyphos dies dem Asopos, denn er hatte die Entführung beobachtet. Als Preis hatte sich Sisyphos ausbedungen, dass Asopos seiner Stadt Korinth eine ewige Quelle schenken müsse, die dann nach Peirene, einer Tochter des Asopos benannt wurde. Eine andere Legende weist die Entstehung der Quelle einem Hufschlag des geflügelten Pferdes Pegasus zu, das hier der Enkel von Sisyphos, Bellerophon, gezähmt habe. In der Erzählvariante von Sisyphos und Asopos ging die Geschichte jedenfalls nicht gut zu Ende. Als Strafe für den Verrat göttlicher Geheimnisse verdammte Zeus den Sisyphos, in der Unterwelt auf ewig jenen berühmten Stein einen Berg hinaufzuschieben, der kurz vor Erreichen des Gipfels immer wieder ins Tal zurückrollte, woraus dann die berühmte Metapher der „Sisyphos-Arbeit“ entstanden ist.

Die Einordnung dieses Sisyphos als Gründer von Korinth verbindet diese Stadt mit einer besonders weit zurückreichenden Mythologie. Denn Sisyphos sei der Enkel von Hellen, dem mythischen Stammvater aller Griechen gewesen, dessen drei Söhne Aiolos (Sisyphos‘ Vater), Doros und Xuthos als personifizierte Stammväter der drei griechischen Stämme der Aioler, Dorer und Ionier gelten. Historisch ist das natürlich Unfug, weil z.B. die Dorier erst in nachmykenischer Zeit aus dem Norden nach Griechenland eingewandert sind.

Sisyphos hatte einen Sohn Glaukos. Von diesem werden vor allem die besonderen Umstände seines Todes überliefert, wo er bei einem Wagenrennen stürzte und von seinem Gespann zu Tode geschleift wurde. Ranke-Graves (71.1) sieht darin den Widerhall eines uralten Ritus, nach dem die frühen Könige am Ende ihrer Regentschaft von als Mähren verkleideten Frauen zerrissen wurden (was stark an das Treiben der Mänaden erinnert – vgl. „Amazonen“ auf homersheimat.de, insbes. Abschnitt 3 der PDF-Datei). Dieser Ritus wurde dann ins zu-Tode-schleifen am von vier Pferden gezogenen Streitwagen überführt.

Auch Glaukos‘ Sohn Bellerophon ist Gegenstand solch wilder Mythen. Weil er seinen eigenen Bruder getötet hatte, floh er zu Proitos, dem König von Tiryns (und Zwillingsbruder des in Argos herrschenden Akrisios). Dort fiel er einer Intrige zum Opfer, weil er sich den Annäherungsversuchen der Königin Anteia widersetzt hatte, die ihn darauf des Vergewaltigungsversuchs zieh. Bellerophon wurde nach Lykien geschickt, wo er sich in allerlei Taten zu bewähren hatte (Zähmung des Pegasus, Tötung der Chimäre, Vertreibung der Amazonen usw.). Nun hielt er sich für gottgleich und wollte mit seinem Pegasus hinauf zum Olymp. Die Strafe folgte sofort: Zeus ließ Pegasus von einer Mücke stechen, Bellerophon stürzte hinab, fiel in einen Dornenbusch und stach sich dabei die Augen aus. „Lahm, blind, einsam und verflucht mied er die Wege der Menschen, bis der Tod ihn erlöste“ (Ranke-Graves, 75.f).

Zwei Generationen später tritt wieder ein Glaukos – nun ein Enkel des Bellerophon – auf die Bühne der Mythologie, der sich als Anführer der mit Troia verbündeten Lykier auf dem Schlachtfeld vor Troia präsentiert. Homer lässt ihn in einem prahlerischen Disput mit dem Anführer des argolischen Kontingents Diomedes die Geschichte des Bellerophon erzählen, bevor es zum Zweikampf der beiden kommt (Ilias VI.145 ff). Die Abstammungslinien haben sich endgültig getrennt: Ein Nachfahre des Sisyphos steht nun auf der Seite der Troianer, die argolische Kolonie auf kleinasiatischer Seite, in die einst Proitos den Bellerophon geschickt hatte, ist nun ein Verbündeter des kleinasiatischen Troia geworden. Dem Bellerophon-Nachfahren steht mit Diomedes ein Nachkomme des Proitos-Bruders Akrisios auf dem Schlachtfeld gegenüber.

Natürlich lassen sich diese Geschichten noch opulenter erzählen. Hier soll es nur darauf ankommen, dass den lykischen Glaukos vier Generationen von Sisyphos trennen (Sisyphos > Glaukos I > Bellerophon > Hippólochos > Glaukos II). Sisyphos ist mithin in der Mythologie vier Generationen vor den Kombattanten von Troia angesiedelt – historisch wäre das Anfang des 13. Jh. vC.

Frappierend ist nun, dass sich von all dem im Raum von Korinth archäologisch nichts nachweisen lässt. Grabungsbefunde beginnen vornehmlich erst in archaischer Zeit (ab ca. 700 vC), die Bronzezeit (mykenische Periode) hat jedoch kaum Spuren hinterlassen.

Dies ist umso verwunderlicher, als auch Homer – zu Beginn dieser archaischen Zeit – dem Raum Korinth eine besondere Bedeutung im mykenischen Kontext zuweist. Denn er zählt Mykene, den Herrschersitz von Agamemnon – Anführer der Griechen vor Troia – nicht zur Argolis, obwohl die Burg am nördlichen Rand der argolischen Ebene lag. Das von Agamemnon angeführte 8. Kontingent in der griechischen Flotte rekrutiert sich vielmehr aus dem Raum Korinth sowie aus Kern-Achaia, das südlich entlang des Golfs von Korinth zu lokalisieren ist. Damit lag der Herrschersitz von Mykene am südlichen Rand dieses Territoriums (Abb. 6).

Ebenso platziert Homer Argos in eine Randlage, da sich die Städte seines Kontingents vor allem nach Osten über die argolische Halbinsel und auf Inseln im Saronischen Golf erstreckten. Wo in der frühen Mythologie der Argiver Perseus die auf engem Raum beieinander liegenden Burgen von Tiryns, Midea und Mykene gründete und damit eine räumliche Einheit in der Argolis schuf, ging aus Homers Sicht die weitere Entwicklung auseinander. Zu welchem Herrschaftsbereich Midea nun gehörte, ist nicht bekannt, weil Homer diese Burg in seiner Städteliste nicht nennt. Jedenfalls ist Nafplio nun der Hafen von Argos, während der Hafen von Mykene eher bei Korinth zu suchen wäre. Dort gibt es gleich zwei Hafen-Kandidaten, weil Korinth zumindest in der klassischen Antike über einen Hafen am Golf von Korinth (Lechaion) wie auch am Saronischen Golf (Kenchreai) verfügte. Doch auch für diese beiden Häfen im Besonderen gilt, dass hier bislang keine Spuren aus mykenischer Zeit zu finden waren.

2. Der Hafen Lechaion und seine frühchristliche Basilika

Das seit der Antike unberührt gebliebene Hafengelände von Lechaion wird seit den 1990-er Jahren erforscht. Nach ersten Untersuchungen durch Richard Rothaus (Rothaus 1995) widmet sich seit 2013 ein Team von dänischen und griechischen Archäologen dem Gelände (Güngör/Lovén 2018). Man hat mehrere Binnenbecken identifiziert, von denen das Zentralbecken nebst Zufahrtskanal sowie das Westbecken heute noch (temporär) Wasser führen, währen das jüngere byzantinische Nordbecken bereits wieder verlandet ist. Zwischen den Becken türmen sich Sand-/Kieshügel, auf die in der Antike kontinuierlich Beckenaushub abgelagert wurde (Abb. 7).

Lechaion - nördlicher Hafen von Korinth - in GoogleEarth-Ansicht

Abb. 7: Google Earth-Ansicht des Hafengeländes von Lechaion mit Bezeichnung der wesentlichen Hafenkomponenten. Mit „A“ sind Hügel markiert, die aus dem Aushub der Hafenbecken entstanden sind.

 

Auch die Molen des Außenhafens sind noch gut zu erkennen, weil sie aus großen Steinquadern gefertigt wurden (Abb. 8). Die Molen liegen heute wegen des seit der Antike angestiegenen Meeresspiegels zum größeren Teil unter Wasser. Die Höhenveränderungen in diesem Bereich sind allerdings nicht trivial. In Steinlagen der Zufahrtskanalmauern oberhalb des Meeresspiegels hat man Bohrungen von Meeresmuscheln Lithophaga lithophaga (= Steinfresser) gefunden, die nur im Salzwasser leben (Stiros 1996). Das deutet auf eine Absenkung des Geländes unter Meeresspiegelniveau mit Bohraktivität der Muschel sowie nachfolgende Hebung hin. Die Muschelspuren-Befunde wurden leider durch die um das Gelände herum angelegte Piste überschüttet. An der noch ungestörten obersten Steinlage der rechten Mauer sind vor Ort noch die Schwalbenschwanzverzinkungen zu sehen, die die Steinblöcke einst mit Bleifüllungen zusammengehalten haben.

Die Hebungen und Senkungen in diesem Bereich hängen vor allem mit dem asymmetrischen Grabenbruch des Golfs von Korinth zusammen, der an seinem südlichen Rand einsinkt, während sich der angrenzende Peloponnes an der Grabenschulter hebt. Diese Hebungen könnten auch Grund für die Aufgabe des Hafens in der Spätantike gewesen sein. Hinzu kommen episodische Veränderungen des Meeresspiegels.

Irritierend ist an den jüngeren Forschungsergebnissen aus Lechaion, dass sie frühestens ins 1. Jh. nC datieren und vor allem römische oder gar erst byzantinische Prägungen offenbaren, so dass in diesem Hafenareal nicht nur (wie oben vermerkt) aus mykenischer Zeit, sondern auch aus der klassischen Antike bislang keine Spuren gefunden wurden. Die bisherigen Grabungen spiegeln also nur die zweite Blütephase Korinths in römischer Zeit (44 vC - 400 nC), blenden aber die erste Hochphase zwischen 700 und 600 vC (zu schweigen von der Bronzezeit) bislang aus.

Das Hafengelände ist rundum hermetisch mit einem hohen stacheldrahtbewehrten Zaun gesichert. Ohne Vereinbarung mit dem Archäologischen Museum in Korinth ist keine Besichtigung möglich. Aber auch die wurde uns nur sehr restriktiv gewährt. Damit verweigert die griechische Kulturverwaltung der interessierten Öffentlichkeit eine Anlage, die sie offenbar selbst einstmals als Archäologischen Park zu öffnen plante. Darauf deuten zumindest die Parkplätze an der Hauptstraße nebst hier etwas attraktiverer Zaungestaltung und Kassenhäuschen am Portal hin (Abb. 9). Auf dem Gelände fand sich sogar eine Infotafel. Da der Zaun einen Wechsel vom Gelände nach draußen (und zurück) über weite Strecken unmöglich macht, sieht man letztlich am meisten durch einer Umrundung der Anlage entlang der Küste auf der dort angelegten Schotterpiste. Die Molen und die Hafenzufahrt sind jedenfalls nur von dort zu betrachten.

Eine Außenbesichtigung taugt jedoch nicht für die frühchristliche Basilika, die zwischen westlichem Hafenbecken und Meer errichtet worden war (Grundriss in Abb. 10; vgl. zur Lage Abb. 7). Sie wird durch Pinienbewaldung auf einer sanften Düne von außen vollständig den Blicken entzogen. Diese Basilika war Leonidas, einem Bischof von Athen gewidmet, der um die Mitte des 3. Jahrhunderts zusammen mit sieben Frauen im Meer gemartert worden sei. Sie wurde vermutlich in der zweiten Hälfte des 5. Jh. errichtet und war mit 180 m die längste Basilika Griechenlands. Die dreischiffige Anlage mit fünfteiligem Querschiff wurde durch ein stattliches Baptisterium (Taufkapelle), eine riesige Vorhalle und zahlreiche Nebengebäude (Refektorium, Weinpressen, Zisternen etc.) ergänzt (Grundriss in Abb. 10).

Wo diese in ihren Dimensionen kühne Kirche auf hochgefährlichem tektonischem Terrain errichtet worden war, wurde sie recht bald auch Opfer dieser Lage durch ein schweres Erdbeben, das man auf das 6. Jh. datiert.

Aus geologischer Sicht sind die Folgen dieses Erdbebens höchst interessant. Sie zeigen nämlich im plattierten Boden der Basilika Effekte von Bodenverflüssigung (soil liquefacion) durch starke Erdbebenwellen. Wasserhaltige sandig-kiesige Böden können unter Druck plastisch werden und sich verformen (Thixotropie). Am tektonisch gefährdeten Standort der Basilika haben offenbar Erdbebenwellen diesen Effekt ausgelöst, so dass sich das sandig-kiesige Material unter dem Kirchenboden (mehrfach) aufwölbte und wieder zurücksank. Zurück blieben Einsenkungen oder Ausbeulungen des zerbrochenen Kirchenbodens. Eine griechische Forschergruppe hat dies Phänomen an der Lechaion-Basilika geophysikalisch untersucht und darüber 2015 berichtet (Apostolopoulos 2015). Die in dieser Studie präzise kartierten Erdbebenspuren konnten wir im April 2019 allerdings kaum noch wiederfinden. Offenbar wurde der durch das Erdbeben zertrümmerte, in den Untergrund gesogene oder aufgeworfene Plattenbelag des Basilika-Bodens seit den Untersuchungen von Apostopolous et al „rekonstruiert“ und zu große Löcher mit Kies zugeschüttet, so dass die Erdbebenspuren inzwischen kaum noch nachzuvollziehen, die Zerstörungen des Plattenbelags und seine nunmehr kiesgefüllten Fehlstellen kaum noch zu verstehen sind (Abb. 11 und 12). Aber es kommt ja sowieso so gut wie niemand auf dies Gelände, der sich darüber wundern könnte.

3. Über dem Kanal von Korinth

Ein Besuch am Isthmus von Korinth darf nicht ohne einen Blick in den Kanal bleiben. Touristen werden üblicherweise über die Landstraße des östlichen Brückenbündels gefahren, an der zahlreiche Selfie-Verliebte ihr obligatorisches Foto inszenieren. Wesentlich aufschlussreichere und vor allem ruhigere Einsichten in die Beschaffenheit der Kanalwände nebst Perspektiven auf den gesamten Kanalverlauf vermittelt eine fast auf halber Strecke platzierte Brücke, die für ganz andere Zwecke erbaut wurde: Die Bogenbrücke trägt unterhalb des Gehsteiges ein mächtiges Kanalrohr, das Abwasser vom Kontinent zu einer Kläranlage auf der anderen peloponnesischen Seite transportiert. Auf der Brücke selbst queren ferner zwei Trinkwasserrohre den Kanal. Zwischen diesen Rohren ist die Brücke allein für Fußgänger passierbar. Hier lässt sich in aller Ruhe die Schichtung des Kanaleinschnitts studieren und – wenn man Glück hat – eins der inzwischen selten gewordenen Schiffe beobachten. Wikipedia behauptet, es verkehrten nur noch ca. 30 Schiffe pro Tag.

Kanal von Korinth - Lastschiffsverkehr in beide Richtungen

Abb. 13: Der Kanal von Korinth mit einem geschleppten Frachtschiff bei strömendem Regen (April 2019), in beide Richtungen von der zentralen Brücke aus fotografiert. Links der Blick nach Osten mit dem Bündel von Autobahn-, Straßen- und Eisenbahnbrücken, rechts der Blick nach Westen mit der gerade im Meer verschwindenden Senkbrücke am Kanalende.

 

Nachdem unser Bus die Zufahrt zur Kläranlage gefunden hatte, verfolgte uns leider ein Wetter, das im Stymfalia-Becken für einen außergewöhnlichen Wassereinstau und an vielen anderen Orten für phantastische Blütenbilder gesorgt hatte – es ging ein kräftiger Regen nieder. Deshalb verzichtete ein Großteil der Gruppe auf einen Eindruck, den Abb. 13 zurückholt. Der Ort dieser Perspektiven, die die „Fußgängerbrücke“ bietet, ist in Abb. 14 lokalisiert.

Der geologische Schnitt in Abb. 14 unterscheidet lediglich zwischen neogenen (d.h. Miozän-Pliozän / 23 bis 2,6 Ma) und pleistozän-rezenten Sedimenten (2,6 Ma bis heute). Es handelt sich um Serien von Marmor, Kalkstein, Sandstein sowie Konglomeraten, die vor allem marin abgelagert wurden und erst in junger erdgeschichtlicher Zeit mit Hebung des Peloponnes aus dem Meer heraustraten. Bemerkenswert sind vor allem die zahlreichen Störungen/Verwerfungen entlang des Grabenprofils, die die kräftigen tektonischen Aktivitäten im Hebungszeitraum signalisieren.

Kanal von Korinth - geologischer Schnitt und Luftbild

Abb. 14: Satellitenbild des Kanals mit aktuellen Querungsmöglichkeiten in Bezug auf einen geologischen Schnitt (Higgins 1996, Fig. 5.2)

Michael Siebert, Juli 2019

 

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